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Brics-Gipfel : Kolonialismus 2.0

  • -Aktualisiert am

Beim Brics-Gipfel in Durban: Südafrikas Präsident Jacob Zuma (rechts) empfängt Chinas Präsident Xi Jinping (links). Bild: AFP

Die Brics-Staaten sehen sich auf ihren Gipfel in Durban als „Club der Gleichen“. Dass China in Afrika ungeniert das Geschäftsmodell der alten Kolonialmächte kopiert, wird dabei übersehen.

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          Das selbstgesetzte Ziel könnte höher kaum sein. Seit diesem Dienstag beraten die Staats- und Regierungschefs der Brics-Staaten im südafrikanischen Durban über nicht weniger als eine über neue Weltordnung. „Wir wollen die alternde internationale Finanzarchitektur transformieren“, hieß es vorab aus dem Kreis der Berater des russischen Präsidenten Vladimir Putin. Das Instrument dafür wollen sich die Brics-Staaten auf ihrem fünften Gipfeltreffen gleich an die Hand geben: eine eigene Entwicklungsbank, die den etablierten Bretton-Woods-Institutionen Konkurrenz bei der Finanzierung ehrgeiziger Infrastrukturprogramme machen soll.

          Der Bedarf an einer solchen Entwicklungsbank ist tatsächlich groß in den Brics-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Zusammen beherbergen die fünf Nationen inzwischen vierzig Prozent der Weltbevölkerung. Mit der Größe ist auch das Selbstbewusstsein gewachsen. Die eigene Industrialisierung und die dazu nötige Infrastruktur sollen nicht länger über Weltbank und Internationalen Währungsfonds finanziert werden, sondern aus eigener Kraft. So weit, so logisch.

          Vehikel für chinesische Wirtschaftsinteressen

          Lässt man jedoch die antikoloniale Rhetorik beiseite, die in diesem Klub immer mitschwingt, dann entpuppt sich Brics vor allem als ein Vehikel für chinesische Wirtschaftsinteressen. Die Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2011 belief sich der Handel der Brics-Staaten untereinander auf 230 Milliarden Dollar. Davon entfielen auf den chinesisch-indischen Handel 75 Milliarden Dollar, auf den chinesisch-russischen Handel 60 Milliarden Dollar und auf den chinesisch-brasilianischen Handel 70 Milliarden Dollar; Handel wohlgemerkt, nicht Investitionen. Aus chinesischer Sicht ist Brics nichts anderes als eine mautbefreite Autobahn für ihre Containerschiffe.

          Das lässt sich exemplarisch an Südafrika ablesen, das als jüngstes Mitglied im Jahr 2011 zu der Runde stieß. Worum es China damals ging, war klar: die Rohstoffe des Kontinents. Südafrika wiederum galt als das Einfallstor zu diesem Kontinent. Russland, Indien und Brasilien hingegen haben so gut wie kein Interesse an dem schwarzen Kontinent, sieht man von brasilianischen Investitionen in den beiden lusophonen Ländern Angola und Moçambique und dem Versuch indischer Agrarkonzerne ab, in Äthiopien Fuß zu fassen.

          Streben nach Hegemonie

          Die südafrikanische Mitgliedschaft nutzt alleine China, dessen Unternehmen sich mit rasender Geschwindigkeit in Afrika ausbreiten. Und damit dieses Streben nach Hegemonie nicht allzu rüde wirkt, verkleidet Peking es geschickt als Solidarpakt der ehedem Unterdrückten. Noch vor wenigen Tagen begründete die südafrikanische Außenministerin die Bedeutung des Brics-Zusammenschlusses für ihr Land damit, dass alle Mitgliedstaaten eine „gemeinsame Geschichte des Kampfes gegen Kolonialmächte“ verbinde. Dass ihr Kollege aus dem Handelsministerium seit einigen Jahren vergeblich versucht, das horrende Handelsdefizit mit China durch Einfuhrerleichterungen für südafrikanische Produkte zu kompensieren, scheint der Dame entgangen zu sein.

          Dieser neue „Klub der Gleichen“ ist aus afrikanischer Sicht jedenfalls alles andere als egalitär. Dass China afrikanische Rohstoffe mit Infrastruktur bezahlt, ist noch der beste Teil der inzwischen sehr einseitigen Handelsbeziehungen. Schließlich bekommt Afrika dafür zum ersten Mal in seiner Geschichte einen Mehrwert für seine Rohstoffe, der nicht auf britischen Bankkonten landet. Dass Peking aber gleichzeitig Afrika mit seinen Billigprodukten überschwemmt und damit jede heimische Produktion abwürgt, ist der weniger schöne Teil. Chinas Handelsvolumen mit Gesamtafrika betrug allein im vergangenen Jahr annähernd 200 Milliarden Dollar. Ein Ende dieses Wachstums ist nicht in Sicht.

          Chinas neue Form der Kolonisierung

          China kopiert ungeniert das Geschäftsmodell der alten Kolonialmächte, nennt es aber „Handel unter Gleichen“. Von langfristigen Investitionen etwa in Produktionsstätten, die helfen würden, die Arbeitslosigkeit zu senken, ist dabei kaum die Rede. Die südafrikanische Regierung, der mit der Brics-Mitgliedschaft international ein Gewicht zugewachsen ist, das in keiner Weise der tatsächlichen wirtschaftlichen oder politischen Bedeutung des Landes entspricht, hütet sich natürlich, China zu kritisieren. Dafür muss man weiter nach Norden reisen, nach Nigeria zum Beispiel, der zweitgrößten Volkswirtschaft des Kontinents. Der dortige Chef der Zentralbank, Lamido Sanusi, findet wenig schmeichelhafte Worte für das chinesische Engagement: „Wir sollten uns von der romantischen Idee verabschieden, dass China als Entwicklungsland uns anderen Entwicklungsländern solidarisch hilft. China ist heute verantwortlich für das Sterben heimischer Industrie und dem Andauern bitterer Armut in Afrika.“ Mit anderen Worten: China betreibt eine neue Form der Kolonisierung.

          Es wird deshalb interessant sein zu beobachten, welche Projekte die geplante Brics-Entwicklungsbank auf dem Kontinent fördern wird. Dass der Schwerpunkt der Unterstützung auf die Schaffung einer industriellen Infrastruktur in Afrika gelegt wird, glaubt zurzeit jedenfalls niemand. Es wird wohl eher auf die Finanzierung chinesischer Exporte hinauslaufen.

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