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Folgen des Brexits : Warum die irische Insel zusammenwächst

Viel Ärger mit Formularen: Frachtkontrolle im Hafen von Larne am 7. September Bild: Getty

Der Brexit sollte Nordirland fest ans Vereinigte Königreich koppeln, so hatten Unionisten sich das vorgestellt. Tatsächlich geschieht gerade das Gegenteil – notgedrungen.

          10 Min.

          Bei Marks & Spencer im Zentrum von Belfast gibt es kein Toilettenpapier mehr. Dosensuppen und Kartoffelchips sind auch ausverkauft bis auf eine Sorte. Chinesische oder indische Fertiggerichte in der Kühlabteilung? Fehlanzeige. Bei Obst und Gemüse klaffen ebenfalls Lücken. Am Regal für Heidelbeeren hängt ein Schild: „Wir sind stolz darauf, britische Farmer zu unterstützen.“ Das Problem ist nur: Britische Farmer schaffen es nicht mehr, ihre Ware zu den Kunden in Nordirland zu bringen. Hier und da mag das mit fehlendem Benzin zusammenhängen, der großen Plage im Vereinigten Königreich. Doch sind die leeren Regale für Nordiren kein neues Phänomen. Es gibt sie schon seit Anfang des Jahres, seit das Königreich mit voller Wirkung die Europäische Union verlassen hat.

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Nordirland blieb mit einem Bein im Binnenmarkt, die Grenze zur Republik Irland blieb offen. Die Folge: Was immer jetzt aus London, Liverpool oder Glasgow an landwirtschaftlichen Produkten und Industriegütern geliefert wird, muss erst kontrolliert werden, und zwar nach strengen europäischen Standards. Im Frühjahr gab es deswegen ein paar Tage lang gewaltsame Ausschreitungen. Autos wurden angezündet, Molotow-Cocktails flogen. Wütende Menschen protestierten vor den Häfen von Belfast und Larne. Die nordirische Border Police musste den Schutz ihrer Beamten erhöhen, die EU zog ihre Mitarbeiter vorübergehend ganz zurück. Seitdem haben sich die Gemüter zwar beruhigt, aber die praktischen Probleme sind immer noch da, und die nächste Eskalation steht schon im Raum. Jeffrey Donaldson, der Erste Minister und Vorsitzende der Democratic Unionist Party, kurz DUP, hat Anfang September damit gedroht, „binnen Wochen“ Regierung und Parlament lahmzulegen. Seine Minister würden eher zurücktreten, „als Zollkontrollen in der Irischen See vorzunehmen“.

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