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Barniers Brexit-Tagebuch : Johnsons tote Katze und Frosts kühler Abschied

Auf schwierigem Pflaster: EU-Chefunterhändler Michel Barnier im September 2020 in London Bild: Getty

Der EU-Chefunterhändler Michel Barnier hat ein „Geheimes Tagebuch“ der Brexit-Verhandlungen veröffentlicht. Für die Briten ist es wenig schmeichelhaft. Ein Tipp aus Deutschland soll den Durchbruch ermöglicht haben.

          5 Min.

          Der Tag, an dem Michel Barnier beinahe die Nerven verlor, lässt sich genau benennen. Es war Dienstag, der 8. September 2020. Am Morgen bekam der Brexit-Verhandlungsführer der Europäischen Union das Binnenmarktgesetz zu Gesicht, mit dem sich die britische Regierung das Recht gab, Bestimmungen für Nordirland im Austrittsabkommen einseitig abzuändern. „Ich empfinde das in diesem Augenblick wie einen Verrat“, schreibt Barnier über jenen Tag. „Sie sind also wirklich zu allem bereit. Für mich persönlich ist vielleicht noch schlimmer, dass die Truppe, die derzeit in Downing Street 10 sitzt, weder auf der Höhe dessen ist, was beim Brexit auf dem Spiel steht, noch ihrer eigenen Verantwortung für den Brexit gerecht wird, den sie wollte. Ich habe einfach kein Vertrauen mehr.“

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          So steht es nun zu lesen in Barniers „Geheimem Tagebuch des Brexits“, das an diesem Donnerstag im französischen Verlag Gallimard erscheint. An jenem Tag im September stand Barnier kurz davor, alles hinzuwerfen. Er, der seit Frühjahr 2017 geduldig verhandelt hatte und alle Sticheleien, Provokationen und Unzuverlässigkeit in London an sich hatte abperlen lassen. „Wir hätten sofort die Verhandlung aussetzen können, weil man nicht unter einer Drohung verhandelt“, schreibt er. Doch nach internen Beratungen setzte sich eine andere Linie durch. Ursula von der Leyen, die Kommissionspräsidentin, wollte nicht die Verantwortung für das Scheitern der Verhandlungen übernehmen.

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