https://www.faz.net/-gpf-9jbu4

Brexit neu verhandeln : In Frankreich gibt es Unterstützung für Theresa May

Der französische Republikaner François-Xavier Bellamy ist von seiner Partei als Spitzenkandidat für die Europawahl aufgestellt worden. Bild: AFP

Bislang hat sich die EU geschlossen gegen eine Neuverhandlung des Brexit-Abkommens ausgesprochen. Doch nun bekommt die Premierministerin überraschend Unterstützung.

          Der Spitzenkandidat der Republikaner (LR) für die Europawahlen, François-Xavier Bellamy, hat eine Wiederaufnahme der Brexit-Verhandlungen verlangt. „Es ist wichtig, dass wir die Tür zu neuen Verhandlungen öffnen“, sagte Bellamy dem Radiosender Europe1 am Mittwochabend. Es war das erste Interview des 33 Jahre alten Philosophen seit seiner Nominierung zum Spitzenkandidaten durch den LR-Parteivorstand. Bellamy kritisierte eine europäische „Strategie der Erniedrigung“ gegenüber Großbritannien, die darin bestehe, „größtmögliche Schwierigkeiten“ für das Land zu erzeugen. Pikant an der Kritik war, dass sie sich vor allem gegen den Chefunterhändler der EU, den Franzosen und LR-Parteifreund Michel Barnier, zu richten schien. Bellamy plädierte zudem für einen „verstärkten Dialog“ mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. In der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europäischen Parlament hat sich der Franzose noch nicht vorgestellt. Die französischen EVP-Abgeordneten sind in der Frage des Umgangs mit dem ungarischen Ministerpräsidenten gespalten. Neun Europaabgeordnete stimmten im vergangenen September dem Antrag auf ein Rechtsstaatsverfahren gegen die Regierung Orbán zu, drei stimmten dagegen, sechs enthielten sich, und zwei nahmen nicht an der Abstimmung teil.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Bellamy warnte jetzt vor der Illusion einer „europäischen Souveränität“. Er lehnte eine Vertiefung der europäischen Integration ab. „Es gibt ein französisches Volk und eine europäische Zivilisation, aber kein europäisches Volk“, sagte er im Radio. „Wir dürfen den illusorischen Weg des Föderalismus nicht weitergehen“, mahnte er. Beim Referendum im Jahr 2005 über den europäischen Verfassungsvertrag hatte Bellamy bereits mit Nein gestimmt. Europaministerin Nathalie Loiseau reagierte am Donnerstag auf die Äußerungen des Spitzenkandidaten: „Die EU scheint für Sie noch ziemlich neu zu sein. Ein Vorschlag: Informieren Sie sich über den Brexit, bevor Sie reden“, sagte Loiseau. Der frühere Europaminister Alain Lamassoure, der sich bei den Republikanern wegen des Rechtsrucks zurückgezogen hat, kritisierte Bellamy ebenfalls. „Zu seinem Kampagnenauftakt verteidigt Bellamy die Briten gegen die einmütigen europäischen Partnerstaaten“ und unterstütze Orbán gegen seine eigene Parteifamilie, sagte Lamassoure, der weiterhin als Europaabgeordneter der EVP-Fraktion angehört. „Ist das Ignoranz oder Boshaftigkeit?“, fragte Lamassoure.

          Bellamy wirbt für „katholische Renaissance“

          Bellamy gilt als Hoffnungsträger des wertkonservativen, katholischen Flügels der Republikaner, seit er 2012 zu einem der Wortführer der Protestbewegung gegen die Homo-Ehe aufstieg. Ihm gelang es, einen Teil der Bewegung unter dem Titel „Sens Commun“ (etwa: gesunder Menschenverstand) in die LR-Parteistrukturen zu integrieren. „Sens Commun“ entwickelte sich während der Präsidentenwahlen 2017 zu einer wichtigen Stütze für den damaligen Kandidaten François Fillon. Bellamys politische Heimat liegt in der früheren Königsstadt Versailles, in der er eine streng katholische Ausbildung auf Privatschulen und bei den Pfadfindern erhielt. Dem katholischen Magazin „La Vie“ schilderte Bellamy einmal, dass bei ihm jeden Abend im Familienkreis – er hat drei jüngere Schwestern – gemeinsam gebetet wurde.

          Nach dem Abschluss der Elitehochschule Ecole Normale Supérieure unterrichtete Bellamy Philosophie an unterschiedlichen Oberschulen. Über seine Erfahrungen im Schulbetrieb schrieb er ein Buch mit dem Titel „Die Enterbten“ („Les Déshérités“) und schilderte darin, wie wenig die meisten jungen Franzosen noch in der abendländischen Kultur zu Hause sind. Bellamy wirbt für eine „katholische Renaissance“ und hat sich der Verteidigung der christlichen Identität in Frankreich „gegen die Utopie der Globalisierung und gegen den militanten Islamismus“ verschrieben. Seine Stellungnahmen gegen Abtreibung, künstliche Befruchtung für homosexuelle Paare sowie Leihmutterschaft sind auch in den Reihen der Republikaner umstritten. Nach Recherchen französischer Medien soll Bellamy erst in der vergangenen Woche der LR-Partei offiziell beigetreten sein. Er wirkt zudem als Kulturbeauftragter im Rathaus von Versailles. In seiner Heimatstadt trat Bellamy 2017 auch als Kandidat bei den Parlamentswahlen an. Doch unterlag er gegen den Kandidaten von Macrons Bewegung En marche.

          Seither treibt ihn der Wunsch an, eine Alternative zu Macron auf der Rechten aufzubauen. Die Enkelin Jean-Marie Le Pens, Marion Maréchal, sagte in einem Fernsehgespräch im vergangenen November, sie könne sich einen Zusammenschluss mit Bellamy vorstellen.

          Weitere Themen

          „Ja, es ist bedauerlich“ Video-Seite öffnen

          Scheuer über abgelehnte Maut : „Ja, es ist bedauerlich“

          Das Prinzip der Finanzierung der Straßen durch die Nutzer sei dennoch gerecht und richtig, sagte der CSU-Politiker in München. Deswegen werde sich Scheuer vom Urteil des Europäischen Gerichtshofs nicht entmutigen lassen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.