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Brexit-Gegner in London : „Jetzt wissen wir Bescheid, jetzt können wir wirklich abstimmen“

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Angesichts des bevorstehenden Brexits steigt die Nervosität bei vielen Briten. Mehr als eine Million Menschen machten ihrem Ärger über die Regierung und den baldigen EU-Austritt Luft. Sie fühlen sich getäuscht – und wollen die Uhr zurückdrehen.

          Das Londoner Stadtviertel Mayfair ist für gewöhnlich kein Ort, an dem es besonders hektisch zugeht. Die gregorianischen Häuser mit der Postleitzahl W1 sind im wahrsten Sinne des Wortes die teuerste Adresse Großbritanniens, vermutlich Europas. Am heutigen Samstagmorgen jedoch gleicht Mayfair einem Bienenstock. Selbst durch die kleinsten Gassen strömen Menschenmassen, um sich dem „People’s Vote March“, dem Marsch für ein zweites Brexit-Referendum, anzuschließen. Bei der letzten Demonstration im Herbst vergangenen Jahres waren über 700.000 Teilnehmer gezählt worden, was den Marsch zu einer der größten Demonstrationen in der britischen Nachkriegsgeschichte machte. Die Zahl wurde offenbar getoppt: Mehr als eine Million Menschen gingen demnach am Samstag auf die Straße. Die Veranstalter sprachen von einem der größten Protestmärsche in der Geschichte Großbritanniens, alle Erwartungen seien übertroffen worden. Die Polizei gab keine Schätzungen ab.

          Aus dem ganzen Land sind Demonstranten mit Bussen angereist, aus den westenglischen Städten Bath und Bristol gab es sogar einen Sonderzug. Die Altersstruktur der Teilnehmer ist überraschend gemischt, wenn man bedenkt, dass beim Brexit-Referendum 2016 vor allem die Älteren für den Brexit gestimmt haben sollen. Studenten, Familien, Senioren – die Menge, die vom Hyde Park bis zum britischen Parlament marschiert, lässt sich wohl am besten als Querschnitt der Gesellschaft beschreiben.

          Mehr als eine Million Menschen haben nach Veranstalterangaben am Samstag in London gegen den Brexit demonstriert. Bilderstrecke

          Die Forderung der Demonstrierenden ist eindeutig. Sie wollen noch einmal über den Brexit abstimmen, um den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union zu verhindern. Der Anti-Brexit-Marsch findet nur wenige Tage nach der Veröffentlichung einer Petition an das britische Parlament statt, in der die Abgeordneten dazu aufgefordert werden, das Austrittsgesuch zurückzunehmen. Innerhalb von wenigen Tagen bekam diese Petition 4,2 Millionen Unterstützer, das entspricht rund 15 Prozent der britischen Bevölkerung. Tatsächlich sehen Meinungsforscher einen deutlichen Stimmungsumschwung im Vereinigten Königreich zugunsten des Remain-Lagers. Einer YouGov-Umfrage vom 19. März zufolge befürworten nur noch 41 Prozent der Briten einen Austritt aus der Europäischen Union.

          Keine Unterstützung aus der Regierung

          Dass die Demonstrierenden mit ihrer Forderung nach einem zweiten Referendum Erfolg haben, erscheint momentan jedoch sehr unwahrscheinlich. Denn auch wenn sich immer mehr Abgeordnete, ehemalige Regierungsmitglieder und Prominente der Bewegung anschließen, ist man von einer Mehrheit im Unterhaus noch weit entfernt. Die konservative Premierministerin Theresa May hatte in der vergangenen Woche noch einmal klargemacht, dass es mit ihr keine abermalige Abstimmung über den Brexit geben werde. Diese könne einen „irreparablen Vertrauensverlust“ in die Politik zur Folge haben, ließ sie über eine Sprecherin mitteilen.

          Britische Medien berichteten, dass der Druck auf May im Brexit-Streit
          immer größer werde. Viele Abgeordnete fordern demnach bereits ihren Rücktritt – sie sei im Brexit-Chaos nicht mehr haltbar.

          Nun bestünde für Labour-Chef Jeremy Corbyn die Möglichkeit, ein zweites Referendum zu fordern. Doch Corbyn zaudert, weil er die Brexit-Befürworter unter den Labour-Wählern nicht vergraulen will. Dies machte er am heutigen Tag noch einmal deutlich, indem er ins rund 400 Kilometer entfernte Morecambe reiste und dort an einer lokalen Wahlkampfveranstaltung auftrat, statt an der Demonstration teilzunehmen. Und das, obwohl sechs Mitglieder seines Schattenkabinetts ankündigten, genau das tun zu wollen.

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