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Berater-Streit um Johnson : Intrigen an der Downing Street

Carrie Symonds und Boris Johnson im November in London Bild: AP

„Brexit Boys“ gegen die „Carrie Symonds Crew“: Der Rücktritt des Kommunikationschefs des britischen Premierministers Johnson offenbart einen Grabenkampf der Berater. Dabei geht es nicht nur um Politik.

          4 Min.

          Die Kündigung eines Mitarbeiters von Premierminister Boris Johnson hat Grabenkämpfe in Downing Street Nummer 10 offenbart, die auch private Dimensionen einschließen. Bislang war unter den Wasserträgern im Zentrum der Macht nur Dominic Cummings in der Öffentlichkeit bekannt. Der politische Chefberater des britischen Premierministers spielt auch in der jüngsten Affäre eine Rolle – womöglich bald die entscheidende. Doch im Mittelpunkt steht bislang ein Mann namens Lee Cain, der zuletzt die Kommunikationsabteilung in Downing Street leitete. Der Konflikt um Cain wurde so hart ausgetragen, dass nicht nur Cummings mit Kündigung gedroht haben soll, sondern auch David Frost, Johnsons Spezialist für die europäischen und internationalen Beziehungen. Nicht verbürgt ist, welche Drohungen Cains prominenteste Gegenspielerin ausgestoßen hat: Johnsons Verlobte Carrie Symonds.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Um den verworrenen Konflikt in seinen Grundzügen zu verstehen, lohnt ein Blick in die Boulevardzeitung „Daily Mail“. Diese berichtete am Donnerstag von einem Kampf zwischen den „Brexit Boys“ und der „Carrie Symonds Crew“. Die „Brexit Boys“ sind die Leute, die Cummings im Sommer vergangenen Jahres mit in die Downing Street gebracht hat. Die meisten hatten ihm zugearbeitet, als er die „Leave-Kampagne“ für das EU-Referendum im Jahre 2016 leitete. Cain, ein gelernter Journalist, gelang ein besonders rascher Aufstieg. Er erhielt den wichtigsten Kommunikationsposten in der Regierung und hatte zu fast jeder Zeit Zugang zu Johnson.

          Seit ihrem Einzug in die Machtzentrale ecken die „Brexit Boys“ vor allem bei Ministern und Tory-Abgeordneten an. Diese verübeln Cummings und seinen Freunden, dass sie Johnson abschirmen. Sie bemängeln aber auch ihr respektloses Benehmen und die Tatsache, dass sie zum größten Teil bis heute keine konservativen Parteimitglieder sind. Unterfüttert wird die Abneigung mit Vorwürfen, den Premierminister in populistische Abenteuer hineinzuziehen und gerade in der Corona-Politik Fehler zu machen, die Johnson und die Regierung in peinliche Wendemanöver zwingen. Gegner haben die „Brexit Boys“ aber auch im Amtssitz des Premierministers selbst. Hier kommt Carrie Symonds ins Spiel, deren Einfluss nicht zu unterschätzen ist.

          Bevor Symonds mit Johnson zusammenkam und die Mutter seines vermutlich sechsten Kindes wurde, arbeitete sie als Kommunikationschefin der Konservativen Partei. Sie hat ihre eigene Vorstellung von Politik und auch ihr eigenes Netzwerk. Zur „Symonds-Crew“ gehören unter anderen die Leiterin der Politikabteilung in Downing Street, Johnsons langjährige Mitarbeiterin Munira Mirza, sowie die neue Sonderpressesprecherin der Regierung, Allegra Stratton. Nach allem, was man weiß, war es Strattons Berufung, die den Funken in diesem Pulverfass entfachte.

          Gegen die „Brexit Boys“: Sonderpressesprecherin Allegra Stratton
          Gegen die „Brexit Boys“: Sonderpressesprecherin Allegra Stratton : Bild: Reuters

          In Downing Street kursierte schon länger die Idee, ein weibliches Gesicht für die Öffentlichkeit anzuwerben. Modell steht das amerikanische System, wo ein Präsidentensprecher oder eine Präsidentensprecherin wöchentlich eine – im Fernsehen übertragene – Pressekonferenz im Weißen Haus abhält. Die britischen Regierungssprecher halten sich traditionell im Hintergrund und informieren nur eine kleine Schar von Korrespondenten, die einen Sonderzugang für das Parlament haben. Diese dürfen mitschreiben, aber weder filmen noch aufnehmen, was den „Lobby Briefings“ ein Odium des Hinterzimmerhaften verleiht.

          Ein wenig feministisch inspiriert

          Die Operation Tele-PK begann vielversprechend. Es war Lee Cain, der sie zu seiner Sache machte und Stratton vorschlug. Die Journalistin, die zuletzt als Kommunikationschefin im Schatzkanzleramt arbeitete, genoss auch das Wohlwollen von Carrie Symonds, die wiederum mit Strattons Ehemann James Forsyth, dem Politikchef der Zeitschrift „Spectator“ befreundet ist. Aber Stratton machte zur Einstellungsbedingung, nur Premierminister Johnson verantwortlich zu sein. Damit entzog sie sich auch dem Einfluss von Cain, was diesen „total unterminiert“ zurückließ, wie es in einer Zeitung hieß. Seit Stratton vor zwei Wochen ihr neues Büro in der Downing Street bezog – die neuen Pressekonferenzen sollen erst im Januar beginnen –, hat Cain angeblich nicht mit ihr geredet.

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          Strattons Sonderstellung soll Cain derart auf die Barrikaden getrieben haben, dass er mit Kündigung drohte. Um dies zu verhindern, wollte Johnson ihn befördern und bot ihm den vakanten Posten des „Chief of Staff“ an. Damit wäre Johnsons Führungsteam unter noch stärkeren Einfluss der „Brexit Boys“ geraten. Bislang wird Cummings vor allem von zwei Männern eingerahmt: vom neuen Kabinettssekretär Simon Case, der die britische Ministerialbürokratie leitet, und von Johnsons „strategischem Chefberater“ Edward Lister. Dieser ist dem Premierminister seit gemeinsamen Tagen im Londoner Bürgermeisteramt verbunden. Doch Lister will Gerüchten zufolge seinen Posten Ende des Jahres verlassen.

          Die Aussicht, dass ein in der Hierarchie aufgestiegener Cain die Balance weiter zugunsten der „Brexit Boys“ verschoben hätte, setzte eine machtvolle Gegenbewegung in Gang. Sie scheint nicht nur politisch, sondern auch ein wenig feministisch inspiriert zu sein. Munira Mirza und Allegra Stratton fühlten sich von der geplanten Beförderung zurückgesetzt, und auch Innenministerin Priti Patel soll sich gegen Cain ausgesprochen haben. Dass Symonds möglicherweise die Schlüsselrolle beim Vereiteln der Beförderung gespielt hat, weiß die britische Öffentlichkeit von einer weiteren Frau: der BBC-Chefreporterin Laura Kuenssberg, die als Erste informiert wurde und über den Machtkampf berichtete.

          Johnson soll sich von Cummings „befreien“

          Die Frauen, sagt eine Bekannte des Freundeskreises, hätten mit den „Brexit Boys“ nicht unbedingt ideologische Probleme. Symonds und Mirza hätten schließlich selbst für den Austritt aus der EU gestimmt, und zumindest Symonds zählte anfangs zu Cummings Bewunderern. Der Widerstand der Frauen habe eher mit der „Arbeitskultur“ zu tun, mit dem „Alles-oder-nichts-Gehabe dieser Typen“, vor allem aber mit einer Lernkurve. „Sie sind ehrlich desillusioniert von Cummings’ Kompetenz“, sagt sie.

          Johnson droht nun eine Neuauflage seines „Kampfs um Cummings“. Dessen Gegner witterten sofort die Gelegenheit, den ungeliebten Berater endlich aus der Reihe schießen zu können. Schon mehrmals hatten sie es versucht. Auf Messers Schneide stand Cummings’ Schicksal, als er im Frühjahr die Corona-Auflagen großzügig für sich auslegte, wenn nicht sogar verletzte. Cummings sah sich zu einer öffentlichen Verteidigung genötigt und erläuterte sein Verhalten bei einem demütigen Auftritt im Garten von Downing Street 10. Danach erklärte Johnson die Sache für erledigt, womit er in der Wahrnehmung mancher Parteifreunde viel politisches Kapital verbraucht hat.

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          Nun geben Tory-Abgeordnete wieder Interviews, in denen sie Johnson auffordern, sich von Cummings zu „befreien“ und einen „Neustart“ zu wagen. Ob sich der Premierminister ein weiteres Mal hinter seinen Mann stellen will, ist ungewiss. Rauswerfen wird er ihn vermutlich nicht; dafür hat er Cummings zu viel zu verdanken. Aber eine freiwillige Kündigung könnte Johnson diesmal mit einer Krokodilsträne im Auge akzeptieren.

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