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Berater-Streit um Johnson : Intrigen an der Downing Street

Ein wenig feministisch inspiriert

Die Operation Tele-PK begann vielversprechend. Es war Lee Cain, der sie zu seiner Sache machte und Stratton vorschlug. Die Journalistin, die zuletzt als Kommunikationschefin im Schatzkanzleramt arbeitete, genoss auch das Wohlwollen von Carrie Symonds, die wiederum mit Strattons Ehemann James Forsyth, dem Politikchef der Zeitschrift „Spectator“ befreundet ist. Aber Stratton machte zur Einstellungsbedingung, nur Premierminister Johnson verantwortlich zu sein. Damit entzog sie sich auch dem Einfluss von Cain, was diesen „total unterminiert“ zurückließ, wie es in einer Zeitung hieß. Seit Stratton vor zwei Wochen ihr neues Büro in der Downing Street bezog – die neuen Pressekonferenzen sollen erst im Januar beginnen –, hat Cain angeblich nicht mit ihr geredet.

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Strattons Sonderstellung soll Cain derart auf die Barrikaden getrieben haben, dass er mit Kündigung drohte. Um dies zu verhindern, wollte Johnson ihn befördern und bot ihm den vakanten Posten des „Chief of Staff“ an. Damit wäre Johnsons Führungsteam unter noch stärkeren Einfluss der „Brexit Boys“ geraten. Bislang wird Cummings vor allem von zwei Männern eingerahmt: vom neuen Kabinettssekretär Simon Case, der die britische Ministerialbürokratie leitet, und von Johnsons „strategischem Chefberater“ Edward Lister. Dieser ist dem Premierminister seit gemeinsamen Tagen im Londoner Bürgermeisteramt verbunden. Doch Lister will Gerüchten zufolge seinen Posten Ende des Jahres verlassen.

Die Aussicht, dass ein in der Hierarchie aufgestiegener Cain die Balance weiter zugunsten der „Brexit Boys“ verschoben hätte, setzte eine machtvolle Gegenbewegung in Gang. Sie scheint nicht nur politisch, sondern auch ein wenig feministisch inspiriert zu sein. Munira Mirza und Allegra Stratton fühlten sich von der geplanten Beförderung zurückgesetzt, und auch Innenministerin Priti Patel soll sich gegen Cain ausgesprochen haben. Dass Symonds möglicherweise die Schlüsselrolle beim Vereiteln der Beförderung gespielt hat, weiß die britische Öffentlichkeit von einer weiteren Frau: der BBC-Chefreporterin Laura Kuenssberg, die als Erste informiert wurde und über den Machtkampf berichtete.

Johnson soll sich von Cummings „befreien“

Die Frauen, sagt eine Bekannte des Freundeskreises, hätten mit den „Brexit Boys“ nicht unbedingt ideologische Probleme. Symonds und Mirza hätten schließlich selbst für den Austritt aus der EU gestimmt, und zumindest Symonds zählte anfangs zu Cummings Bewunderern. Der Widerstand der Frauen habe eher mit der „Arbeitskultur“ zu tun, mit dem „Alles-oder-nichts-Gehabe dieser Typen“, vor allem aber mit einer Lernkurve. „Sie sind ehrlich desillusioniert von Cummings’ Kompetenz“, sagt sie.

Johnson droht nun eine Neuauflage seines „Kampfs um Cummings“. Dessen Gegner witterten sofort die Gelegenheit, den ungeliebten Berater endlich aus der Reihe schießen zu können. Schon mehrmals hatten sie es versucht. Auf Messers Schneide stand Cummings’ Schicksal, als er im Frühjahr die Corona-Auflagen großzügig für sich auslegte, wenn nicht sogar verletzte. Cummings sah sich zu einer öffentlichen Verteidigung genötigt und erläuterte sein Verhalten bei einem demütigen Auftritt im Garten von Downing Street 10. Danach erklärte Johnson die Sache für erledigt, womit er in der Wahrnehmung mancher Parteifreunde viel politisches Kapital verbraucht hat.

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Nun geben Tory-Abgeordnete wieder Interviews, in denen sie Johnson auffordern, sich von Cummings zu „befreien“ und einen „Neustart“ zu wagen. Ob sich der Premierminister ein weiteres Mal hinter seinen Mann stellen will, ist ungewiss. Rauswerfen wird er ihn vermutlich nicht; dafür hat er Cummings zu viel zu verdanken. Aber eine freiwillige Kündigung könnte Johnson diesmal mit einer Krokodilsträne im Auge akzeptieren.

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