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Breivik-Prozess : Generation Utøya

Einer der Überlebenden von Utoya, Eivind Thoresen, spricht in einer Prozesspause mit Journalisten Bild: REUTERS

In dieser Woche hatten die Überlebenden des Massakers von Utøya das Wort im Gerichtssaal. Manche von ihnen wirken stark, andere verspüren keine Lust auf garnichts mehr. Ihre Schilderungen bewegen das ganze Land.

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          Manche müssen lächeln, um die Erinnerung zu ertragen. Ingela Heie schaut den Staatsanwalt an, sie sieht fast vergnügt aus. Dann berichtet sie ohne Punkt und Komma. Wie sie sich mit ihren Freundinnen zwischen den Bäumen auf den Felsboden gekauert, ihr Mobiltelefon weggeschleudert, ihren linken Arm zum Schutz um ihren Kopf gelegt hat. Wie sie der erste Schuss zwischen Schulter und Ellenbogen traf und sie gegen den Schmerz ankämpfte. „Ohne Arm kann ich leben, sagte ich mir, das schaffe ich schon. Wenn ich mich jetzt tot stelle, geht er vielleicht weiter.“ Aber Anders Behring Breivik geht auf seinem Weg über Utøya nicht so schnell weiter. Ingela Heie kann Schmerz und Wut nicht länger unterdrücken. Sie schreit. Er zielt auf sie und schießt. Die Kugel trifft sie ins Gesicht. „Ich hörte ein Pfeifen, dann wurde alles schwarz.“

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          18 Jahre alt ist Ingela Heie, sie hat lange rote Haare und trägt eine Strickjacke über ihrer Bluse, im Sommer will sie mit der Schule fertig werden. Dass sie lebt, grenzt an ein Wunder. Und wie sie am Donnerstag vor dem Gericht in Oslo gegen den Mann aussagt, der keine zehn Meter von ihr entfernt auf der Anklagebank sitzt, ist verblüffend. „Ich habe meinen Geruchssinn verloren“, sagt sie, wieder lächelnd. „Mit 18 Jahren, wenn man noch das ganze Leben vor sich hat, ist das ziemlich doof. Wäre ich schon fünfzig, wäre es vielleicht nicht so schlimm. Dann wären ja nicht mehr so viele Jahre übrig.“ Als die älteren Zuhörer im Gerichtssaal lachen, lacht auch Ingela Heie.

          Fast vierzig Überlebende haben ausgesagt

          Sie ist die letzte Zeugin an diesem Tag; es ist der letzte von sieben Verhandlungstagen in Oslo, die ganz den Überlebenden von Utøya gewidmet waren. Fast vierzig von ihnen haben ausgesagt, angereist aus ganz Norwegen wie auch jahrzehntelang Jungsozialisten aus ganz Norwegen einmal im Jahr in das Zeltlager auf der Insel gereist waren. Ihre Schilderungen haben Norwegen erschüttert, auch wenn der Tathergang schon lange bekannt war, Ermittler die 90 Minuten zwischen Breiviks Ankunft auf der Insel und seiner Festnahme schon im Detail rekonstruiert hatten. Für die Wahrnehmung des Verbrechens aber waren die Zeugenaussagen wichtiger als die Berichte der Rechtsmediziner und Kriminaltechniker. Weil jeder der Zeugen das Geschehen auf ganz eigene Weise geschildert hat.

          Manche müssen lächeln, um darüber zu reden, auch wenn sie traurig sind. Es seien sehr viele Metallsplitter in ihr Gehirn eingedrungen, sagt Ingela Heie, deshalb habe sie nun jeden Tag Kopfschmerzen. „Wahrscheinlich bleibt das so, glaubt mein Arzt.“ Andere bringen eine Botschaft mit in den Gerichtssaal wie Tarjei Jensen Bech, der die bunte Tracht der Samen angelegt hat. „Breivik redet so viel von der norwegischen Urbevölkerung, die er angeblich schützen wollte. Dabei sind die Samen die einzigen Ureinwohner, die es in Norwegen gibt.“ Bech trägt seinen Bericht dann so lebhaft vor, dass sogar der sonst mit unbewegter Miene folgende Breivik mehrfach schmunzelt. Er habe Breivik atmen gehört, bevor dieser auf ihn geschossen habe, berichtet Bech. Er habe sich angehört wie Lord Voldemort, der böse Zauberer aus „Harry Potter“.

          Breivik am Donnerstag im Gerichtssaal

          Um ihn auf dem Weg zum Festland bei Bewusstsein zu halten, hätten ihn seine Freunde dann nach dem Namen seiner Katze gefragt und zusammen mit ihm gesungen. Am Ende zeigt er den Richtern seinen linken Fuß, den er immer noch nicht richtig bewegen kann. Manche sprechen leise, mit niedergeschlagenem Blick. Cathrine Trønnes Lie klammerte sich an einen Felsüberhang, bevor sie getroffen wurde. Ihre jüngere Schwester starb auf Utøya. Welche Pläne sie nun habe, fragt ihr Anwalt die Achtzehnjährige. „Nicht so viele. Eigentlich habe ich auf das allermeiste keine Lust mehr.“

          Andere sind wütend. „Wenn er wirklich krank ist, wie manche Psychiater glauben, dann leidet er an einer Epidemie“, sagt Mohamad Hadi Hamed, der aus dem Irak stammt. „Und solche Leute hat man früher verbrannt, damit sich die Seuche nicht weiter ausbreitet.“ Um Hameds Leben zu retten, wurden ihm im Krankenhaus das rechte Bein und der rechte Arm amputiert, die von drei Kugeln getroffen waren. Jetzt sitzt er im Rollstuhl. Manche wiederum wirken trotz ihrer Verletzungen so stark, dass einige Kommentatoren die „Generation Utøya“ schon kollektiv in den Heldenstand erhoben haben. Marte Fevang Smith etwa war die einzige, die auf dem idyllischen Uferweg von Utøya überlebte, den alle „Liebespfad“ nennen. Breivik schoss auf eine Gruppe von elf Jugendlichen, die sich dort in Sicherheit wähnten. Zehn starben. „Jetzt habe ich zehn Menschen, für die ich leben muss“, sagt Smith im Gericht.

          Breivik hat gestanden, dass er auf Utøya 69 Menschen getötet und 66 verletzt hat. Am Donnerstag darf auch er reden. „Für mich sind diese Zeugen politische Aktivisten“, sagt er. „Ich halte sie für Kommunisten.“

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