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Frust über Olympia : Verkatertes Brasilien

  • -Aktualisiert am

Düstere Aussichten: Brasilien hat im Olympiajahr 2016 und darüber hinaus große Probleme. Bild: AP

Eine hartnäckige Rezession, zu hohe Geldentwertung, eine gelähmte Übergangsregierung.Das fünftgrößte Land der Erde steckt in der Krise. Der Frust über Olympia ist groß. Ein Kommentar.

          Zwischen Oktober 2009 und August 2016 liegen nicht einmal sieben Jahre. Brasilien aber hat einen brutalen Epochenwandel erlebt in der Zeit zwischen dem Zuschlag für die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele bis zur Eröffnungsfeier in Rio de Janeiro in der Nacht zum Samstag. „Wenn Sie uns diese Chance geben, werden Sie es nicht bereuen“, sagte der damalige brasilianische Präsident Luiz Inácio Lula da Silva vor den versammelten Olympiafunktionären in Kopenhagen. Mit seinem Werben für Rio stach Lula sogar den amerikanischen Präsidenten Obama aus, der seinerzeit als frischgebackener Friedensnobelpreisträger nach Dänemark gekommen war, um die Bewerbung seiner Wahlheimat Chicago zu unterstützen.

          Während Amerika und die europäischen Länder im Herbst 2009 unter den Folgen der schwersten Finanzkrise seit Generationen litten, surfte Brasilien zu jener Zeit auf dem Wellenkamm des Exportbooms. Die Ausfuhr von Erdöl, Mineralien und Agrarprodukten spülte Milliarden ins Land. Den Fund von großen Ölreserven vor der Atlantikküste bejubelte Lula als „zweite Unabhängigkeit“ Brasiliens. Mit Sozialprogrammen hob die Linksregierung Millionen Brasilianer aus der Armut empor.

          Historische Wiedergutmachung für kolonialistischen Hochmut

          Lula selbst sah sich als Vorkämpfer des globalen Südens, der den alten Mächten des Nordens nun endlich auf Augenhöhe würde gegenübertreten können. Bei der Wahl seiner Verbündeten orientierte sich Lula weniger daran, ob diese den Menschenrechten verpflichtet waren. Vielmehr suchte er nach Helfern in einem geostrategischen Armdrücken mit jenen Mächten, die man lange als Imperialisten gescholten hatte. Das Venezuela des sozialistischen Caudillo Hugo Chávez wurde zum Bruderland, die Beziehungen zu Kuba waren herzlich. In Afrika ließ Lula zahlreiche Botschaften eröffnen.

          Die Zusammenarbeit mit China, Russland, Indien und Südafrika wurde intensiviert. Die Forderung nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat war nur natürlich. Dass Brasilien 2014 die Fußball-Weltmeisterschaft und zwei Jahre danach als erstes Land Südamerikas die Olympischen Sommerspiele ausrichten durfte, erschien als eine Art historischer Wiedergutmachung für kolonialistischen Hochmut gegenüber dem fünftgrößten Land und der siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt.

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          Die Brasilianer bereuen es längst selbst, dass man ihnen die Chance gab, binnen zweier Jahre die beiden größten Medienspektakel des Sports auszurichten. Die meisten der zwölf Fußballstadien, die für die Weltmeisterschaft errichtet worden waren, liegen erwartungsgemäß als „weiße Elefanten“ den damit beschenkten Städten auf der Tasche. In einer Umfrage kurz vor der Eröffnungsfeier in Rio äußerten sechzig Prozent der Befragten die Überzeugung, dass die Sommerspiele dem Land mehr Schaden hinterlassen als Nutzen bringen werden.

          Vertrauen der Brasilianer in Politiker ist ausradiert

          Der Event-Kater der Brasilianer ist zum Gutteil Symptom einer viel tieferen Krise. Das Land steckt in der schwersten Rezession seit hundert Jahren. Von der sind jene besonders bedroht, die in den Jahren des Booms gerade erst aus der Armut in die Mittelschicht aufgestiegen waren. Der monumentale Korruptionsskandal beim halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras, in den fast alle Parteien sowie viele Großunternehmen verwickelt sind, hat das Vertrauen der Brasilianer in ihre Politiker und ihre Wirtschaftsführer buchstäblich ausradiert. Der selbsternannte Global Player von gestern ist heute auf das Normalmaß einer Mittelmacht geschrumpft, steht fast schon als Bananenrepublik in Übergröße da.

          Zum farbenfrohen Eröffnungsspektakel im Maracanã-Stadion wollten sowohl Lula, der „Vater“ der Spiele, als auch dessen suspendierte Amtsnachfolgerin Dilma Rousseff nicht erscheinen. Lula muss sich wegen des Vorwurfs der Behinderung der Justiz und der Vorteilsnahme im Zusammenhang mit dem Petrobras-Skandal vor Gericht verantworten. Rousseff droht wegen rechtswidriger Manipulationen der Budgetzahlen im Wahljahr 2014 bald der endgültige vorzeitige Verlust des höchsten Staatsamts. Interimspräsident Michel Temer, der die Spiele eröffnete, ist wegen Verstoßes gegen das Parteienfinanzierungsgesetz rechtskräftig verurteilt und dürfte sich bei Wahlen gar nicht um das Amt bewerben, das er wohl bis Ende 2018 bekleiden wird.

          Brasilien hat im Olympiajahr 2016 und darüber hinaus wirkliche Probleme: eine zweistellige Arbeitslosenquote, eine hartnäckige Rezession, eine zu hohe Geldentwertung, ein bedrohlich wachsendes Budgetdefizit, eine lange Liste überfälliger politischer Reformen und eine kaum handlungsfähige Übergangsregierung. Vor diesem Hintergrund sind die Folgen von Sportspektakeln virtuell: Großveranstaltungen wie Fußball-Weltmeisterschaften und Olympische Spiele haben oft keinen nachhaltigen Nutzen.

          Brasilien ist ein großes Land mit noch größerem Potential. Die eigene wirtschaftliche Kraft wiederzubeleben, die politisch-moralische Erneuerung daheim zu erreichen, der Motor der regionalen Integration und des Freihandels sowie Leuchtturm für Demokratie und Menschenrechte in Lateinamerika und gerne auch im „globalen Süden“ zu sein sind würdige Aufgaben für ein Brasilien in Normalmaß.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

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