https://www.faz.net/-gpf-6rs4m

Brasilien : Sehnsucht nach dem alten Schutzherrn

  • -Aktualisiert am

Protestbesen vor dem Nationalkongress in Brasilia Bild: dpa

Auch ohne Amt ist der frühere Präsident Lula in Brasilien allgegenwärtig. Seine Nachfolgerin Rousseff rühmt er für ihren Kampf gegen die Korruption. Viele Politiker sehnen sich nach seiner Amtszeit zurück. Damals wurden Augen zugedrückt.

          4 Min.

          Kürzlich hat der fünfte Minister im Kabinett der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff seinen Hut nehmen müssen. Anlass war ein für brasilianische Verhältnisse eher alltäglicher Korruptionsfall. Der 81 Jahre alte Tourismusminister Pedro Novais hatte einen Angestellten des Kongresses als Chauffeur seiner Frau beschäftigt und das Gehalt seiner Hausangestellten mit Geld aus dem Parlament gezahlt. Es müssen in dem Ministerium allerdings noch einige krumme Dinge mehr gelaufen sein. Anfang August sind nämlich gleich 38 Mitarbeiter festgenommen worden, unter ihnen ein ranghoher Beamter. Drei weitere Mitglieder der Regierung wurden ähnlicher Machenschaften überführt. Nur der fünfte im Bunde der Verstoßenen, Verteidigungsminister Nelson Jobim, stolperte nicht über unlautere Vorteilsnahme, sondern über sein loses Mundwerk.

          Richtig verblüfft aber hat die Brasilianer der Fall von Präsidentschaftsminister Antonio Palocci. Die "rechte Hand" von Frau Rousseff hat ein Vermögen angehäuft, das sich während der vier Jahre von 2007 bis Ende 2010, in denen er Abgeordneter war, verzwanzigfacht hatte. Das Geld floss ihm als "Berater" zu. Wen er beraten hat und welche Ratschläge er erteilte, gab der Politiker nie preis. Unter Frau Rousseffs Vorgänger Luiz Inácio Lula da Silva hatte Palocci schon drei Jahre lang als Finanzminister amtiert. So hatte er genügend Herrschaftswissen, das er versilbern konnte.

          Unterstützung als moralische Instanz

          Lula hat seiner Wunschnachfolgerin nicht nur eine blühende Wirtschaft, sondern auch eine ins Kraut schießende Korruption vermacht. Seit seinem Ausscheiden aus dem Amt Anfang des Jahres ist Lula erst recht allgegenwärtig. Als moralische Instanz stärkt er der Präsidentin den Rücken bei dem Versuch, mit einer "ethischen Säuberung" der Korruption den Garaus zu machen. Er tritt öffentlich für eine harte Bestrafung wegen Bestechung, Bestechlichkeit und ähnlicher Vergehen überführter Politiker ein. Dabei wurde in seiner Regierungszeit der bislang größte aller aufgedeckten Korruptionsskandale in Brasilien ausgeheckt, der als "Mensalão"-Affäre in die Annalen einging: Mit regelrechten monatlichen Gehaltszahlungen wurden oppositionelle Parlamentarier zu einem regierungsfreundlichen Abstimmungsverhalten bewegt.

          Die brasilianische Staatspräsidentin Dilma Rousseff nimmt die immer neuen Enthüllungen in den Medien stets ernst

          An Lula selbst ist von keiner der Affären seiner acht Amtsjahre etwas hängengeblieben. Nach einem neuen Amt in Brasilien oder einer internationalen Organisation scheint er nicht zu streben. Lieber zieht er als "Elder Statesman" die Fäden und geht weiter auf Reisen. Als unterhaltsamer Vortragsredner ist er so gefragt, dass die Entlohnung gemeinhin jener entsprechen soll, die frühere amerikanische Präsidenten verlangen können. Allein im September hat ihm erst die Bundesuniversität in Salvador da Bahia die Würde eines Doktor h.c. verliehen und dann ihm das Institut für Politische Wissenschaften ("Sciences Po") die gleiche Ehre erwiesen. Stolz verwies Lula schon in Salvador darauf, dass er der erste Lateinamerikaner sei, der diese Würdigung auch in Paris erfahre. Er habe bereits 67 solche Titel und werde weiterhin alles an Ehrungen annehmen, was ihm angeboten werde.

          Unter Lula sei das Land zu einer Art Feudalstaat geworden

          Die Reden des früheren Gewerkschaftsführers und Metalldrehers gleichen naturgemäß trotzdem keinen akademischen Vorlesungen. Fast immer sind es Loblieder auf die eigene Geschicklichkeit, mit der er das Präsidentenamt führte. Auf seiner jüngsten Mittelamerikatournee berichtete Lula in San Salvador, dass er Brasilien "wie eine Mutter ihr Haus" regiert habe, weil es ihm darum gegangen sei, die Güter zwischen allen aufzuteilen und sich mit besonderer Zuneigung um die Schwachen zu kümmern. Eine Mutter könne zehn Kinder haben, aber sie werde nie zulassen, dass eines mehr besitze als die anderen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Johnson und der Brexit : Drei Briefe und ein einziges Ziel

          Boris Johnson will weiter versuchen, das Brexit-Abkommen bis Ende des Monats zu ratifizieren. Schon am Montag könnte die Regierung in London eine neue Abstimmung über den Brexit-Vertrag ansetzen – wenn John Bercow das zulässt.
          Kurdisches Fahnenmeer: Demonstranten am Samstag in Köln

          Türken-Kurden-Konflikt : Kurz vor der Explosion

          Der Krieg in Nordsyrien führt auch in Deutschland zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Migranten. Das könnte erst der Anfang sein.
          Mit Arte in Oslo: Carola Rackete.

          Carola Rackete bei Arte : Ein ganz persönlicher Kulturschock

          In der Arte-Reihe „Durch die Nacht mit ...“ treffen die Aktivistin Carola Rackete und die norwegische Schriftstellerin Maja Lunde aufeinander. Man meint, sie hätten einander viel zu sagen. Es kommt anders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.