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Brasilien : Bolsonaros Pakt mit den Freikirchen

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro bei einem „Marsch für Jesus“ evangelikaler Christen im August in Brasilia Bild: Reuters

In Brasilien werden Freikirchen zur neuen Macht. Mit ihren konservativen Wertvorstellungen wollen sie in die Politik eindringen – und suchen die Nähe des Präsidenten.

          5 Min.

          Ein Mann mit Anzug steht schweißgebadet im Schatten eines Mangobaums. In seiner Hand hält er die Bibel. Er spricht inbrünstig von Gott und Satan, von Glaube und Sünde. Fast schreiend predigt er den Leuten, die aus den Bussen steigen. Bekehren muss er sie nicht mehr. Wer sich am Wochenende an dieser Ecke des Stadtteils Brás in São Paulo aufhält, ist meistens auf dem Weg zum Gottesdienst. Hier ballen sich auf engem Raum einige der größten evangelikalen Pfingstkirchen des Landes.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ragt ein Bauwerk in die Höhe, das bereits von weitem zu erkennen ist: der Tempel Salomons – eine Nachbildung des historischen Jerusalemer Tempels. Das Bauwerk aus hellem Stein ist mit mehr als fünfzig Metern Höhe und einer Grundfläche von 10.000 Quadratmetern fast doppelt so groß wie die Kathedrale von São Paulo – und die ist immerhin die viertgrößte neugotische Kathedrale der Welt. Zehntausend Personen fasst der Tempel. Er ist eine Demonstration des Reichtums und der Macht.

          Unzählige Leute strömen über den weitläufigen Platz, der zur goldenen Eingangspforte führt. Sie sind adrett gekleidet: die Männer mit weißen Hemden und Lackschuhen, die Frauen in Röcken und Kleidern. Vor den Garderoben bilden sich lange Schlangen, denn jeder, der den Tempel betritt, muss sein Mobiltelefon abgeben.

          Aufzüge führen nach oben, wo sich eine riesige Halle befindet. Die Seitenwände sind mit gigantischen Menoras geschmückt, den siebenarmigen jüdischen Leuchtern. Der Altar ist der Bundeslade nachempfunden, in der die Zehn Gebote aufbewahrt worden sein sollen.

          Sanfte Musik wabert durch die Halle. Auf den Großbildschirmen neben dem Altar sind Naturbilder zu sehen. In regelmäßigen Abständen ertönt eine monotone Frauenstimme, die alle Gläubigen auffordert, die Plätze einzunehmen und in Gebetsstille zu verharren. Dann schließen sich die Pforten und das Halleluja des Pastors durchbricht die Stille.

          Die Leute stehen auf, reißen ihre Arme hoch, beten und singen. Der Pastor spricht über finanzielle Schwierigkeiten, gesundheitliche Probleme, zerbrochene Beziehungen, Alkohol. „Zeugen“ werden zum Altar gebeten und erzählen, wie sie dank des Glaubens aus schwierigen Lebenslagen gefunden haben. In einem Video wird die Wundheilung eines kleinen Mädchens gezeigt, das an einem Hautausschlag erkrankt war und geheilt wurde – nicht von Ärzten, sondern durch den Glauben ihrer Mutter.

          Der „Tempel Salomons“ der evangelikalen Universalkirche von Edir Macedo in São Paulo

          Der Pastor steigert sich beinahe in Trance, fleht Gott an, allen solche Wunder zu bescheren und ihr Leiden zu beenden. Die Menge bewegt sich auf den Altar zu, wo der Pastor die Gläubigen segnet, die anschließend in stille und laute Gebete versinken. Überall fließen Tränen.

          „Mir ist ein Wunder widerfahren“

          Unter den Gläubigen ist der junge Vater Edilson Rocha. Er ist mit seiner Frau aus einer Stadt im Innern des Bundesstaates São Paulo angereist. Vor zwei Jahren verlor er seinen Job und fiel in ein tiefes Loch. „Ich begann zu trinken, nahm Drogen“, sagt er. „Ich war nicht mehr ich selbst.“ Die Familie drohte zu zerbrechen. Also nahm seine Frau ihn mit in die Universalkirche. Dort fanden sie Hilfe. Die Kinder hatten Betreuung, während die Mutter arbeiten ging. Der Vater bekam Unterstützung, um mit dem Trinken aufzuhören. Schon bald verbesserte sich die Situation.

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