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Schießerei auf dem Schulweg : In den Favelas von Rio explodiert die Gewalt

  • -Aktualisiert am

Sie wurde wohl von einer verirrten Polizeikugel getroffen: Die zehn Jahre alte Vanessa wurde Opfer einer Schießerei zwischen Polizei und Kriminellen. Bild: Getty

Auf dem Heimweg von der Schule wird in Rio de Janeiro ein erst zehn Jahre altes Mädchen erschossen. Sie ist längst kein Einzelfall. Hinter der brasilianischen Metropole liegt das blutigste Halbjahr seit vielen Jahren. Woran liegt das?

          „Tante Tatiana“ hat seit dem 5. Juli traurige Berühmtheit erlangt. Am späten Nachmittag jenes kühlen Wintertages stand sie vor dem gerichtsmedizinischen Institut von Rio de Janeiro und weinte ihre Verzweiflung heraus. „Wir können nicht mehr“, rief Tatiana Lopes in die Kameras der örtlichen Fernsehstationen und in die Mikrofone der Reporter: „Heute war es meine Nichte. Wer wird es morgen sein? Wo ist der Gouverneur, wo der Innenminister? Sollen sie mir doch ins Gesicht lügen, dass ihnen die öffentliche Sicherheit in Rio de Janeiro nicht vollkommen egal ist.“ Über die sozialen Medien hat sich ihr Zornesausbruch in ganz Brasilien verbreitet.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Mit ihrer Trauer und ihrer Wut ist Tatiana Lopes weiß Gott nicht allein. Der leblose Körper, den sie im Leichenschauhaus der Gerichtsmedizin von Rio zu identifizieren hatte, war der ihrer zehn Jahre alten Nichte Vanessa Vitória dos Santos. Vanessa war auf dem Heimweg von der Grundschule, als sie wohl von einer verirrten Polizeikugel in den Kopf getroffen wurde, abgefeuert von einem Beamten der sogenannten Befriedungspolizei (UPP) bei einem Feuergefecht mit einer in dem Favela-Komplex operierenden Drogenbande. Vanessa hatte keine Überlebenschance.

          Schießereien im Umfeld von fast 400 Schulen

          Und Vanessa war kein Einzelfall. Gut 1500 öffentliche Schulen gibt es in Rio, fast 400 von ihnen mussten in diesem Jahr mindestens einen Schultag oder gleich eine ganze Unterrichtswoche geschlossen werden, weil es in der Umgebung zu Schießereien gekommen war. Zumal es in den Favelas von Rio, wo etwa ein Fünftel der knapp 6,5 Millionen Einwohner der Stadt lebt, kaum eine Schule gibt, die von den Bandenkriegen oder den Schießereien zwischen Polizei und Drogenkartellen nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde.

          Vor wenigen Tagen veröffentlichte das Institut für öffentliche Sicherheit des Innenministeriums des Bundesstaates Rio de Janeiro die Verbrechensstatistik des ersten Halbjahres 2017. Danach starben bis Ende Juni in der Metropolenregion von Rio 3475 Menschen eines gewaltsamen Todes. Das waren 15 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Es war das blutigste Halbjahr seit 2009.

          Am stärksten war die Zunahme der Gewaltverbrechen in der Baixada Fluminense, einem dichtbesiedelten Cluster von 13 Gemeinden und Vorstädten nördlich von Rio de Janeiro, bestehend aus Favelas und Arbeitervierteln mit zusammen rund 3,7 Millionen Einwohnern. Aber auch im eigentlichen Stadtgebiet von Rio war es nicht viel besser. Im Gesamtdurchschnitt der Metropolregion Rio de Janeiro wurden von Januar bis Juni 20,8 Morde je 100 000 Einwohner verzeichnet. Der Vergleichswert von São Paulo, der größten Stadt des Landes, liegt bei 5,2 Morden je 100 000 Einwohner.

          Der Präsident schickt Soldaten und die Nationalgarde

          Präsident Michel Temer hat nun die Entsendung von 10.000 Soldaten und Nationalgardisten nach Rio de Janeiro verfügt. Mit der Maßnahme solle „die öffentliche Ordnung wiederhergestellt, die Arbeit der Behörden gewährleistet und die Sicherheit der Bevölkerung garantiert werden“, teilte der Präsident mit. Verteidigungsminister Raul Jungmann sprach vom „Krebs der Kriminalität“, der Rio befallen habe, und versicherte: „Wir werden an das organisierte Verbrechen herankommen, an die gesamte Befehlskette.“

          Viele der rund 800 Favelas von Rio lebten in „einer Art Ausnahmezustand“, Drogen und Waffen gelangten ungehindert in die Armenviertel, klagte Jungmann. Mit der Maßnahme orientiert sich die Regierung an der Sicherheitsstrategie während der Olympischen Spiele vor einem Jahr. Damals waren 85 000 Soldaten, Nationalgardisten und Polizisten in der Stadt im Einsatz. An den Zufahrten zu den Flughäfen Rios, an den Verkehrsadern durch die Baixada Fluminense und entlang der Favelas in der Nordzone waren in den vergangenen Tagen vereinzelt Panzerfahrzeuge des Heeres zu sehen.

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          Die Stadt Rio de Janeiro und der gleichnamige Bundesstaat sind faktisch pleite. Die Kosten für die Sportstätten der Olympischen Spiele, die heute fast alle als „weiße Elefanten“ ungenutzt herumstehen, haben aber nur zu einem geringen Teil zur Finanzmisere beigetragen. Für diese sind vielmehr vor allem der aufgeblähte Personalbestand im öffentlichen Dienst, die ungedeckten Pensionsverpflichtungen und die Rezession verantwortlich, die den stark vom Erdölgeschäft abhängigen Bundesstaat besonders hart getroffen hat.

          Von den radikalen Sparmaßnahmen zur Haushaltssanierung sind die einst als Modell gepriesenen Einheiten der UPP in den Favelas stark betroffen. Vor allem bei den sozialen Unterstützungsmaßnahmen, die für einen nachhaltigen Erfolg der Befriedungsstrategie in den Favelas unabdingbar sind, wurde der Rotstift angesetzt. Dafür müssen nicht nur Schülerinnen wie die zehn Jahre alte Vanessa die oft tödliche Quittung bezahlen. Sondern auch die oft schlecht und derzeit zudem verspätet bezahlten Polizisten: 91 Beamte wurden im ersten Halbjahr 2017 in Rio im Dienst getötet.

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