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Brasilien und die Pandemie : Bolsonaros Quadratur der Krise

Beerdigung auf dem Caju-Friedhof im Norden von Rio de Janeiro. Bild: EPA

In Brasilien zeigen die Corona-Statistiken steil nach oben. Das Land steht vor dem Kollaps. Präsident Bolsonaro ficht das nicht an. Er provoziert und versucht, die Wut der Menschen gegen seine Gegner zu wenden.

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          In der brasilianischen Amazonas-Metropole Manaus werden die Särge in Gemeinschaftsgräbern gestapelt, weil kein Platz mehr ist. Die Zahl der Todesfälle hat sich in den vergangenen Wochen verdreifacht. Wo bisher durchschnittlich jeden Tag dreißig Beerdigungen stattgefunden haben, sind es inzwischen um die hundert pro Tag. Krankenhäuser weisen Hilfesuchende ab. Vielen bleibt nur noch das Beten. Vielleicht deshalb hat das Parlament des Bundesstaates Amazonas am Mittwoch erlaubt, trotz der Corona-Epidemie Messen in Kirchen abzuhalten. Der Beschluss des Regionalparlaments, der allen Empfehlungen von Fachleuten widerspricht, muss nun vom Gouverneur unterzeichnet werden, gegen den dasselbe Parlament ein Absetzungsverfahren eröffnet hat – wegen schlechter Führung des Gesundheitswesens.

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Auch in anderen brasilianischen Bundesstaaten spitzt sich die Situation zu. Die verfügbaren Betten mit Intensivpflege werden knapper. Laut einer Studie dürften im Laufe dieses Monats die Intensivstationen in den öffentlichen Krankenhäusern der meisten Bundesstaaten komplett ausgelastet sein. Die privaten Kliniken werden demnach leicht verzögert folgen. Schon wird juristisch um die noch verbleibenden Betten gestritten. Derweil steigen die Fallzahlen an. Täglich werden derzeit rund 10.000 neue Fälle registriert. Am Freitag war die bisherige Rekordzahl von 751 Toten innerhalb von 24 Stunden infolge einer Infektion mit dem Coronavirus zu verzeichnen. Insgesamt sind es bereits mehr als 10.000 Tote. Doch an den Zahlen bestehen Zweifel. Der Abgleich mit den insgesamt gemeldeten Todesfällen, die deutlich über dem Mittel der letzten Jahre liegen, lässt vermuten, dass eine sehr große Zahl mangels verfügbarer Tests gar nicht in die Corona-Statistik einfließt. Auch die Gesamtzahl der Infizierten dürfte deutlich höher sein als die offiziell registrierten 150.000.

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