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Brände in Russland : Die Unschuldigen

Wenigstens optisch immer alles im Griff: Ministerpräsident Wladimir Putin am Steuerknüppel eines Löschflugzeugs. Bild:

Der Umgang russischer Politiker mit der Brandkatastrophe entspricht einem Muster: Probleme werden so lange wie möglich geleugnet oder kleingeredet; werden sie zu drängend, zeigt der starke Mann an der Spitze Einsatz zur Lösung und findet Schuldige, die weniger mächtig sind als er.

          Ende vergangener Woche ließ der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow über seinen Sprecher noch mitteilen, dass es keinen Grund gebe, wegen der Waldbrände seinen Urlaub abzubrechen: Es brenne ja nicht in Moskau, sondern im Umland, folglich sei auch dessen Verwaltung für die Brandbekämpfung zuständig. Am Sonntag war Luschkow dann zurück in der unter dichtem Smog und Hitze leidenden russischen Hauptstadt, aber das, was er unterbrochen hatte, war in der Version seines Sprechers kein Urlaub mehr, sondern die Behandlung einer Sportverletzung in einer ausländischen Klinik.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Von Ministerpräsident Wladimir Putin wurde er dafür gelobt. „Es ist richtig, dass Sie aus dem Urlaub zurückgekehrt sind, das haben Sie rechtzeitig getan“, sagte Putin bei einem Treffen mit Luschkow. Darüber, wie dieses „rechtzeitig“ zu verstehen sei, rätselten die Moskauer Zeitungen am Mittwoch: Hatte Putin damit Luschkow gestärkt - oder war die nach außen wohlwollende Bemerkung genauso giftig wie der Smog über Moskau?

          Aus dem Kreml jedenfalls wurden über Luschkow andere Aussagen zitiert. Die offiziöse Nachrichtenagentur Ria-Nowosti berief sich auf einen anonymen Mitarbeiter von Präsident Dmitrij Medwedjew, der kritisierte, dass Luschkow am 2. August - als die Lage kaum besser war als am Wochenende - überhaupt in Urlaub gefahren sei.

          Russische Feuerwehrleute in der Region Ryazan.

          Schuldige, die weniger mächtig sind

          Der Moskauer Bürgermeister ist einer der einflussreichsten Politiker in Russland. Er kam Anfang der neunziger Jahre in dieses Amt, als Putin noch ein unbekannter Mitarbeiter der Petersburger Stadtverwaltung war, und konnte sich unangefochten darin halten, obwohl es seit Jahren immer wieder Gerüchte gibt, der Kreml sei unzufrieden mit ihm und wolle ihn loswerden. Auch nun wird spekuliert, ob Luschkow in diesen Tagen seinen entscheidenden Fehler begangen hat.

          Sein Umgang mit der Krise entspricht indes dem Muster, das auf allen Ebenen zu beobachten ist: Probleme werden so lange wie möglich geleugnet oder kleingeredet; werden sie zu drängend, zeigt der starke Mann an der Spitze energisch Einsatz zur Lösung, verkündet Erfolge - und findet Schuldige, die weniger mächtig sind als er.

          So forderte Luschkow bei der ersten Sitzung der Moskauer Stadtregierung nach seiner Rückkehr eine harte Bestrafung der Schuldigen für den Smog, der vor allem von Torfbränden verursacht wird - und er gab auch gleich an, wo sie zu suchen seien: Nach den Torfbränden, die im Sommer 2002 die Moskauer Luft verpestet hatten, seien ja Beschlüsse zur Verhinderung künftiger Feuer gefasst worden - aber die habe wohl irgendwer nicht ausgeführt.

          Trockengelegte Sümpfe eine große Gefahr

          Möglicherweise hat Luschkow damit sogar recht. Nach Aussage von Fachleuten kommt es zu den Torfbränden, weil in sowjetischer Zeit Sümpfe trockengelegt wurden, um dort Torf als Brennstoff abzubauen - was dann aber nicht geschah. Um zu verhindern, dass der trockene Torf zu brennen beginnt, müsste man nur die Sümpfe wieder wässern. Dafür habe es immer wieder Pläne gegeben, berichten russische Medien, aber sie alle seien trotz der Warnungen von Fachleuten im Nirgendwo von Politik und korrupter Bürokratie verlaufen. Am Mittwoch wurde dann von der Verwaltung des Moskauer Gebiets als Erfolgsmeldung verkündet, dass schon damit begonnen worden sei, die am schwersten von den Bränden erfassten Torfgebiete über eine 20 Kilometer lange Leitung mit Flusswasser zu wässern.

          In dem im Fernsehen gezeigten Gespräch mit Putin durfte Luschkow erläutern, wie effizient in Moskau die Stadtverwaltung dafür sorge, den Bürgern die Lage erträglicher zu machen, wie gut die Gesundheitsdienste funktionierten; wer Hilfe brauche, solle nicht zögern, Krankenwagen zu rufen, das System funktioniere ausgezeichnet, in den Krankenhäusern gebe es ausreichend Betten.

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