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Australiens Premierminister : Wie der Protagonist einer Comedy-Serie

Land in Flammen, Morrison unbesorgt: Graffito in Australien Bild: Imago

Scott Morrison scheitert an seiner Mittelmäßigkeit. Er setzt sich seine Haltungen auf und ab wie die deplaziert wirkenden Schirmmützen auf seinem Kopf – und macht Politik, als wäre sie eine lästige Hausaufgabe.

          3 Min.

          Für viele Australier ist er jetzt nur noch „Scotty vom Marketing“. Das ist nicht zufällig ein Name, der so klingt, als gehörte er zu einer Figur aus der Serie „Das Büro“. Scott Morrison würde gut in das Ensemble der Serie passen: als ein etwas übereifriger Angestellter, der seinen Kollegen mit forcierter Kumpelhaftigkeit auf die Nerven geht. Als ein mittelmäßig begabter Mitarbeiter, der sich selbst überschätzt. Denn Scott Morrisons Krisenmanagement der vergangenen Wochen war, wie bei den Protagonisten der Comedy-Serie, voll von Momenten, die Anlass zur Fremdscham boten.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Dabei sind Naturkatastrophen und nationale Krisen gute Gelegenheiten, sich zu beweisen. Die neuseeländische Premierministerin wurde durch ihre Reaktion auf den Terroranschlag von Christchurch zum Superstar. Sie zeigte Präsenz, Mitgefühl und Entschlusskraft. Als Ende des Jahres die Flammen anfingen, den australischen Busch zu verschlingen, hätte Scott Morrison sich an ihr ein Beispiel nehmen können. Doch er entschied sich für den gegenteiligen Weg. In den ersten Wochen der Krise blieb er geradezu unsichtbar.

          Er präsentiert sich mit anbiederndem Schulterklopfen

          Der Spitzname „Scotty from Marketing“ bezieht sich auf eine Zeit, in der Morrison öffentlich noch besser da stand. Früher war Morrison Leiter der nationalen Tourismusagentur. Unter ihm brachte sie im Jahr 2006 einen Werbespot heraus, der damals weltweit Aufmerksamkeit erhielt. Der Spot zeigte, was die Australier alles für die Touristen vorbereitet hätten: das Bier im Pub, den Strand, das Feuerwerk in Sydney. Am Ende stieg ein Model aus dem Meer und fragte: „So where the bloody hell are you?“ – „Und wo zum Teufel bist du?“

          Aus dem Slogan spricht das gleiche anbiedernde Schulterklopfen, mit dem Scott Morrison sich den Australiern bis heute präsentiert. Für die Twittergemeinde war das ein gefundenes Fressen: #WhereTheBloodyHellAreYou wurde ebenfalls zum Trend, als Morrison in der Krise verschwunden blieb. Sein Büro beantwortete Fragen nach seinem Aufenthalt ausweichend. Bis sich nicht mehr verheimlichen ließ, dass der Premierminister mit seiner Familie zum Urlaub nach Hawaii gereist war.

          Erst, nachdem zwei Feuerwehrleute ums Leben gekommen waren, brach er seine Reise ab. Er „bedaure zutiefst“, wenn er bei den Opfern der Katastrophe Anstoß erregt habe, entschuldigte er sich. Die Aussage war typisch für die Art, mit der er sich durch die Katastrophe manövriert. Er gesteht kein Fehlverhalten ein, sondern entschuldigt sich nur, „falls“ er jemanden verletzt habe. Er setzt sich seine Haltungen auf und ab wie die deplaziert wirkenden Schirmmützen auf seinem Kopf. Er macht Politik, als wäre sie eine lästige Hausaufgabe.

          Liste der Peinlichkeiten und Fehltritte

          Es ist schon erstaunlich, wie viele Schnitzer sich der vermeintliche Marketingexperte in seiner Öffentlichkeitsarbeit leistet. Seine nachfolgenden Besuche im Brandgebiet wirkten wie Pflichttermine. Vor laufenden Kameras geriet die Sache aus dem Ruder. In dem von Feuern verwüsteten Ort Cobargo wurde er von Anwohnern beschimpft. Ein Feuerwehrmann verweigerte den Handschlag. Im Gespräch mit seiner Entourage gab Morrison sich verständnisvoll. „Er war bestimmt nur müde ...“, sagte der Premier. „Nein, nein, er hat sein Haus verloren“, musste ihn ein Mitarbeiter aufklären. Dann nötigte Morrison einer Schwangeren, die ebenfalls ihr Haus verloren hatte, einen Handschlag auf. Als sie ihn um mehr Unterstützung anflehte, drehte er ihr den Rücken zu.

          Die Liste der Peinlichkeiten und Fehltritte ließe sich fortsetzen. Für Morrison ist die Brandkatastrophe politisch eine Gratwanderung. Er gehört zu einer Partei, die zu weiten Teilen den menschengemachten Klimawandel für ein Hirngespinst ökologisch erweckter Innenstadtbewohner hält. Als sein Vorgänger im Amt ein Energiegesetz plante, das auch klimapolitisch etwas bewegt hätte, wurde er gestürzt. Unterstützung erhalten die Klimawandelskeptiker in Morrisons Regierung von Australiens mächtiger Energie- und Bergbauindustrie und der Murdoch-Presse. Es ist nicht lange her, da hatte seine Regierung einen Zusammenhang zwischen menschengemachtem Klimawandel und Buschbränden noch zurückgewiesen. Nur langsam rückt Morrison von dieser Einschätzung ab.

          Ins Amt katapultiert wurde Morrison durch den Sturz Malcolm Turnbulls. Dabei behielt er nach außen eine weiße Weste. Einige Beobachter sind aber überzeugt, dass er hinter den Kulissen schon lange zuvor Allianzen geschmiedet hatte. Als Minister fiel er immer wieder durch seinen Opportunismus auf. Bei der Einführung der „Ehe für alle“ argumentierte er gegen die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Bei der Abstimmung im Parlament enthielt er sich später jedoch. Morrison ist sehr religiös und gehört mit seiner Frau Jenny und den zwei Töchtern einer der konservativen australischen Pfingstkirchen an.

          Noch zehrt Morrison davon, dass er die schon verloren geglaubte Wahl im Mai doch noch für seine Liberal Party gewonnen hatte. Er selbst sprach damals sogar von einem „Wunder“. Manche Wähler kannten noch nicht einmal seinen Namen. Seine damalige Unbekanntheit, das Ungefähre, das ihn umgab, haben ihm womöglich sogar geholfen. Es gab nicht genug, was die Menschen gegen ihn haben konnten. Das hat sich seither geändert. Angesichts seiner verkorksten Reaktion auf die Buschfeuer sehen ihn nun viele politisch am Ende. Aber es ist auch möglich, dass er die Krise übersteht. Zu einem Helden wird sie ihn allerdings nicht mehr machen.

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