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„Bossnapping“ : Die „Revolution“ in den Betrieben

Spürte den Zorn der Mitarbeiter hautnah: Automobil-Manager Kerriou Bild: AP

In Frankreich hatten Arbeiter aus Protest gegen Werksschließungen abermals ihre Chefs als Geiseln genommen. Diesmal traf es Manager des Automobilzulieferers Molex Automotives nördlich von Toulouse. Das sogenannte „Bossnapping“ offenbart explosive Sozialbeziehungen.

          Marcus Kerriou durfte noch kurz seine Ehefrau anrufen und ihr sagen, dass er leider nicht zur Nacht nach Hause kommen werde. Das war am frühen Montagabend, seither befindet sich der 52 Jahre alte Manager des Autozulieferers Molex im beschaulichen Villemur-sur-Tarn im französischen Südwesten in der Gewalt seiner Mitarbeiter. Auch die Personalchefin, die 59 Jahre alte Coline Colboc, hat die Molex-Belegschaft festgesetzt. Die Molex-Mitarbeiter hoffen, dass die Freiheitsberaubung die Verhandlungsbereitschaft der beiden Führungskräfte steigert.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Der amerikanische Autozulieferer unweit von Toulouse hatte schon im Oktober 2008 angekündigt, das französische Werk im nächsten Juni schließen zu wollen. Seither scheiterten die Arbeitnehmervertreter bei ihrem Versuch, Einfluss auf den „Abwicklungsprozess“ zu nehmen.

          Gewerkschafter verdächtigen die Werksleitung, mit gefälschten Zahlen über die Rentabilität die Schließung beschleunigt zu haben. 283 Beschäftigte arbeiten bei Molex in Villemur-sur-Tarn, 200 von ihnen stimmten bei einer Betriebsversammlung am Montag dem Vorschlag zu, die beiden Manager festzusetzen. „Die Geschäftsleitung will unsere Forderungen nicht anhören. Deshalb müssen wir zu härteren Methoden greifen“, sagt Thierry Bonhour von der Gewerkschaft „Force Ouvrière“.

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          Explosive Sozialbeziehungen

          „Unsere Aktion ist sehr gut verlaufen“, sagt Pierre Bellegarde von der CGT-Gewerkschaft. Doch Kerriou und Frau Colboc weigerten sich zu verhandeln, solange sie festgehalten werden. Am Dienstagabend gaben die Gewerkschaftsvertreter nach: „Die beiden Manager werden frei gelassen, weil sie verhandeln wollen“, sagte Bellegarde. Kerriou erklärte nach seiner Freilassung, er sei erleichtert, aber erschöpft. Die Arbeiter buhten die Manager beim Verlassen des Fabrikgeländes aus.

          Geiselnahmen wie die von Villemur-sur-Tarn sind Ausdruck für die explosiven Sozialbeziehungen in Frankreich. Weil der soziale Dialog zwischen Arbeitnehmern und Geschäftsführung schon in guten Zeiten stockt, gelingt es in vielen Unternehmen nicht, Konflikte über Entlassungspläne friedlich zu lösen. Das „Bossnapping“ ist oftmals der verzweifelte Aufschrei einer Belegschaft, die andernfalls ohne Stimme und Einfluss ist. Bei Firmen wie Caterpillar, Sony, 3M, FM Logistic, Scapa und dem Autozulieferer Faurecia haben die jüngsten „Geiselnahmen“ von Managern dazu geführt, dass neue Verhandlungen über die Entlassungspläne aufgenommen wurden.

          „Wir lehnen Gewalt grundsätzlich ab“

          Zugeständnisse wie höhere Abfindungen sind nicht selten. Beim Klebemittelhersteller Scapa beispielsweise wurden die Abfindungen von insgesamt 890.000 Euro auf 1,7 Millionen Euro fast verdoppelt. Bei Sony handelten die aufgebrachten Mitarbeiter mit den festgesetzten Managern eine Abfindung von 45.000 Euro für jeden entlassenen Beschäftigten aus. Strafverfahren wegen Freiheitsberaubung gibt es bislang nicht. Die freigelassenen Manager schrecken davor zurück, durch Klagen das soziale Klima von neuem zu verschlechtern.

          Die Position der Gewerkschaften ist ambivalent. „Wir lehnen Gewalt grundsätzlich ab“, sagt etwa der CFDT-Vorsitzende Francois Chérèque. Aber er sieht in der „Brutalität der Entlassungspläne“ auch eine „Form der Gewalt“. Bernard Thibault von der einst kommunistischen CGT sagt, „unsere Gewerkschaft fördert Freiheitsberaubungen nicht“. Aber wenn es zu Freiheitsberaubungen komme, stehe die CGT hinter der Belegschaft.

          Regierung hält sich zurück

          Staatspräsident Sarkozy prangert zwar die „Gesetzwidrigkeit“ der Geiselnahmen an, schickt aber Polizeikräfte nur dann, wenn es ausdrücklich dem Wunsch der Geschäftsleitung entspricht. Für den stellvertretenden Direktor des Deutsch-Französischen Instituts, Henrik Uterwedde, erklärt sich die Zurückhaltung der Politik mit dem „ausgeprägten Gespür, auf das soziale Klima Rücksicht nehmen zu müssen“. In Frankreich gebe es anders als in Deutschland kein anderes Korrektiv gegenüber der Regierungs- und Präsidentenmacht als die Straße.

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