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Bosnisch-serbische Kriegsverbrechen : „Szenen aus der Hölle“

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Jahrelang narrte er seine Verfolger: Karadzic in den bosnischen Bergen, links General Ratko Mladic, der noch auf freiem Fuß ist Bild: AP

Jahrelang war Karadzic untergetaucht. Immer wieder gab es Berichte, dass er seine Verfolger an der Nase herumführte. Im Juli 2005 überraschte seine Frau die Öffentlichkeit mit dem Appell an ihren Mann, sich zu stellen - „um der Familie Willen“.

          „Szenen aus der Hölle, geschrieben auf den dunkelsten Seiten der Geschichte.“ So beschreibt das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag die Gräuel, die sich während des Bosnienkrieges von 1992 bis 1995 ereigneten. Jahrelang wurde der mutmaßliche Drahtzieher, der frühere Präsident der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, von der internationalen Staatengemeinschaft gesucht, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Doch immer wieder entkam er seinen Verfolgern. Am Montagabend ging seine zwölf Jahre dauernde Flucht schließlich zu Ende: Radovan Karadzic, einer der meistgesuchten Männer der Erde, ist in Haft.

          Die serbischen Behörden, denen immer wieder mangelnder Wille zur Festnahme Karadzics vorgeworfen wurden, vermeldeten am Montag kurz vor Mitternacht überraschend die Festnahme. Eine Nachricht, auf die „Opfer seit über einem Jahrzehnt gewartet haben“, wie der Chefankläger des Haager Tribunals, Serge Brammertz, erklärte. Karadzic ist wegen Völkermordes und anderer Verbrechen vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt. So wird er beispielsweise gemeinsam mit dem damaligen Befehlshaber der bosnisch-serbischen Streitkräfte, Ratko Mladic, für das Massaker von Srebrenica verantwortlich gemacht, bei dem 8.000 Muslime ermordet wurden.

          Als Priester verkleidet

          Jahrelang war Karadzic untergetaucht. Er soll sich lange Zeit in den Bergen in Ostbosnien versteckt gehalten haben. Immer wieder gab es Berichte, dass er seine Verfolger an der Nase herumführte. So soll er mit rasierter Glatze, langem Bart und in schwarzem Priestergewand gesehen worden sein. Damit sei er auch Nato-Patrouillen entgangen, berichteten Vertraute Karadzics. In der Vergangenheit wechselte er wiederholt sein Versteck, kam in hergerichteten Höhlen unter oder verbarg sich in Klöstern. Durch Nato-Kontrollen kam er zuweilen in Krankenwagen mit Blaulicht.

          Im Schutz der Dunkelheit besuchte er nach Angaben seiner Verbündeten häufig seine Frau Ljiljana, seine Tochter Sonja und Sohn Aleksandar in Pale. Angeblich stattete er auch seiner kranken Mutter in Montenegro Besuche ab und wagte sich sogar zum Kaffeetrinken in die Hauptstadt Sarajevo. Im Juli 2005 überraschte seine Frau die Öffentlichkeit mit dem Appell an ihren Mann, sich zu stellen - „um der Familie Willen“. Einige Tage später verkündete sein Sohn Aleksandar öffentlich, alle Kriegsverbrecher müssten zur Verantwortung gezogen werden - „auch wenn es mein eigener Vater ist“.

          Über die Jahre hinweg wuchs die Isolierung und Verwundbarkeit des Gejagten. Die Zeit verging, ohne dass es ein Anzeichen dafür gab, dass die Welt bereit war, dem mutmaßlichen Anstifter die an den Muslimen und Kroaten verübten Gräuel zu verzeihen.

          Von Milosevic unterstützt

          Karadzic war am 19. Juni 1945 als Sohn einer armen Familie auf dem Land in Montenegro geboren worden. Er erhielt eine Ausbildung als Psychiater und zog dann mit seiner Frau, Sohn Aleksandar und Tochter Sonja in den sechziger Jahre nach Sarajevo, wo er unter anderem Spieler des dortigen Fußballklubs behandelte. 1989 ging er in die Politik und wurde Chef der Bosnisch-Serbischen Demokratischen Partei. Beim Zusammenbruch Jugoslawiens mobilisierte er die Serben in Bosnien gegen die Muslime und Kroaten, die ebenfalls in Bosnien-Herzegowina lebten. Mächtiger Fürsprecher der serbischen Nationalisten in Bosnien war der damalige starke Mann in Belgrad, Slobodan Milosevic.

          1992 begann der Bürgerkrieg zwischen bosnischen Serben, Kroaten und Muslimen. Gemeinsam mit dem Befehlshaber der bosnisch-serbischen Verbände, Mladic, bildete Karadzic das Zweigespann der serbischen Aggression in Bosnien-Herzegowina. Mit der brutalen Zerstörung von Dörfern und Städten, sogenannten ethnischen Säuberungen mit Massakern und Flüchtlingsströmen ohne Beispiel, Internierungslagern und Kriegsgräueln jeder Art hielten sie jahrelang die zivilisierte Welt in Atem.

          Im Sommer 1995 erhielt der Krieg eine neue Dimension: Immer ungenierter gingen die Serben dazu über, sich ihrer in den UN-Schutzzonen unter Aufsicht gestellten Waffen wieder zu bedienen, beschossen Hilfsflüge und nahmen Blauhelme als Geiseln. Im Juli 1995 schließlich griffen die serbischen Truppen die im Osten der Republik liegende Schutzzone Srebrenica an und vertrieben die muslimische Bevölkerung, rund 8.000 Männer und Jungen wurden getötet. Erst ein Militäreinsatz der westlichen Alliierten Ende August brachte die Wende, im Oktober stimmten alle Seiten einem Waffenstillstand zu. Im Dezember wurde schließlich in den Vereinigten Staaten das Friedensabkommen von Dayton unterzeichnet.

          Reich durch Schmuggel

          Zuvor waren im Juli und dann noch einmal im November Karadzic und Mladic wegen Völkermordes angeklagt worden. Im Juli 1996 trat Karadzic als politischer Führer der bosnischen Serben zurück. Seine Nachfolgerin, Biljana Plavsic, berichtete Jahre später vor dem Haager Tribunal, Karadzic und seine Verbündeten hätten durch den Schmuggel von Alkohol, Zigaretten und Sprit während des Krieges und danach ein riesiges Vermögen angehäuft. Dieses Vermögen soll ihm auch während seiner jahrelangen Flucht geholfen haben. 2003 wurden schließlich die Bankkonten seiner Familie gesperrt, um den Untergetauchten finanziell auszutrocknen. Doch noch Jahre hinweg blieb Karadzic nicht fassbar - ein Phantom, das weiter Bewunderer hatte. Viele verehrten ihn als Helden und serbischen Patrioten. Poster mit seinem Bild und der Aufschrift „Rührt ihn nicht an“ waren überall auf dem Balkan zu finden. „Jedes serbische Haus soll sein Versteck sein, und jeder wahre Serbe sein Verbündeter“, hatte der Dichter Dragoljub Scekic einst ausgerufen.

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