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Bosnien-Hercegovina : Willkommen in Banana City

Fürchtet antiserbische Projekte: Milorad Dodik, Präsident der bosnischen Serbenrepublik Bild: AFP

In einem Jahr soll in Sarajevo der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz-Ferdinand im Jahr 1914 gedacht werden. Doch Bosniens mächtigster Serbe stellt sich quer.

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          Am 28. Juni 2014 wird die bosnische Hauptstadt Sarajevo für einen Lidschlag der Geschichte wieder Mittelpunkt der Welt oder zumindest Europas sein. Es wird dann – gegen 10.45 Uhr am Vormittag – genau ein Jahrhundert her sein, dass der junge bosnische Serbe Gavrilo Princip, an der Ecke Franz-Josef-Straße/Appellkai vor der Spezereiwarenhandlung Moritz Schiller stehend, den österreichischen Thronfolger Franz-Ferdinand sowie unbeabsichtigt auch seine Gattin erschoss und damit, was er freilich nicht wissen konnte, einen Weltkrieg auslöste. Eigentlich wäre das exakte Jubiläum sogar schon eine gute Viertelstunde früher zu begehen, aber der Sonderzug der Herzogin von Hohenberg und ihres Gatten hatte 17 Minuten Verspätung und außerdem war da das Missgeschick von Princips Mitverschwörer Nedeljko Čabrinović, der sich am Morgen des Attentats noch hatte fotografieren lassen („zur Erinnerung“, wie er später aussagte), seine aus dem Königreich Serbien eingeschmuggelte Handgranate dann aber vor Aufregung auf das falsche Auto warf, weshalb die Explosion nicht einen Thronfolger tötete, sondern nur einen mitreisenden Flügeladjutanten und einen Grafen verletzte.

          Projekt des Friedens

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Doch solche Pannen hatten die Attentäter einkalkuliert, weshalb sich zur Sicherheit außer Princip und Čabrinović noch vier weitere Verschwörer an der ursprünglich geplanten Fahrtroute Franz-Ferdinands aufgestellt hatten. An Freiwilligen mangelte es nicht, schließlich ist der 28. Juni der Vidovdan, der Tag des heiligen Veit, und an einem solchen Datum war es für Serben besonders attraktiv, sich Unsterblichkeit zu erwerben. Am Veitstag gedenken die Serben der Schlacht gegen die Osmanen auf dem Amselfeld, wo am 28. Juni 1389, das ist historisch verbürgt, der türkische Sultan Murat ums Leben kam. Angeblich, so erzählen es der Serben Volkslieder, für die sich Goethe so begeisterte, gab sich der serbische Ritter Miloš Obilić als Überläufer aus, gelangte in des Sultans Zelt und erdolchte ihn. Tatsache ist, dass der mutmaßliche Tyrannenmörder Obilić zu einem Nationalhelden der Serben wurde, einem Vorbild, dem auch Princip und seine Mitverschwörer in Sarajevo nacheiferten.

          Relikt des Attentats: Die blutdurchtränkte Uniform des österreichischen Thronfolgers Franz-Ferdinand
          Relikt des Attentats: Die blutdurchtränkte Uniform des österreichischen Thronfolgers Franz-Ferdinand : Bild: picture-alliance / dpa

          In einem Jahr soll in der Hauptstadt der ehemaligen habsburgischen Provinz Bosnien-Hercegovina in einer Reihe von Veranstaltungen an das welterschütternde Ereignis von 1914 erinnert werden. Vor allem Frankreich prescht bei der Planung voran. Noch zu Zeiten von Präsident Nicolas Sarkozy wurde in Paris ein Konzept von mehr als 100 Seiten erstellt, im französischen Verteidigungsministerium gibt es einen Sonderbeauftragten mit einer ganzen Abteilung, die sich um die Vorbereitung der Gedenkveranstaltungen kümmert. Frankreich und die Stadt Sarajevo haben eine Stiftung namens „Sarajevo, coeur de l’Europe“ gegründet, bezahlt aus EU-Mitteln. Die Idee, eine Etappe der Tour de France nach Bosnien zu verlegen und in Sarajevo enden zu lassen, existiert zwar inzwischen nur noch in einer bescheideneren Variante, nämlich als Radrennen „unter Schirmherrschaft der Tour de France“, doch die Wiener Philharmoniker werden auf jeden Fall in Bosniens Hauptstadt erwartet. Auch Festivals, eine Filmwoche und ein Historikerkongress sind geplant. Ein Gipfeltreffen führender Politiker aus den Teilnehmerstaaten des Ersten Weltkriegs (soweit noch vorhanden), kursiert zumindest als Idee. Es gehe vor allem darum, sagt ein mit den Planungen betrauter westlicher Diplomat, einen Bogen vom Ersten Weltkrieg in die Gegenwart zu schlagen, zu einem Europa als Projekt des Friedens, der Versöhnung und der Völkerverständigung.

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