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Bosnien : Ein Islam für Europa

In Bosnien sind Islam und Demokratie vereinbar Bild: dapd

Für Bosniens Muslime sind Demokratie und Glaube kein Widerspruch. Die Trennung von Staat und Religion ist für sie seit mehr als hundert Jahren eine allgemein akzeptierte Tatsache.

          Der Islam ist Teil der europäischen Zukunft und wird in den meisten Staaten der EU eine wachsende Rolle spielen. Nicht allein der numerische Einfluss muslimischer Minderheiten in fast allen EU-Staaten wächst. Die Diskussion darüber, wie sich diese Weltreligion mit ihren in Asien und Afrika gelegenen Gravitationszentren in Einklang bringen lässt mit jenen Vorstellungen vom Aufbau einer Gesellschaft, die in Europa seit einigen Jahrzehnten vorherrschen, wird immer wichtiger. Oft wird dabei die (einst) kemalistische Türkei als Vorbild oder gar Modell genannt, an deren Beispiel deutlich werde, dass auch ein Staat mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung sich eine demokratische Form geben und erhalten könne.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Doch abgesehen davon, dass die kemalistische Türkei alles andere als demokratisch war und die derzeitige Transformation des Landes unter Recep Tayyip Erdogan trotz aller Fortschritte ein Prozess mit ungewissem Ausgang ist, gibt es ein nicht nur geographisch näherliegendes, dabei ungleich überzeugenderes Beispiel dafür, dass Islam und Demokratie vereinbar sind. Wir finden es in Bosnien-Hercegovina, wo seit Jahrhunderten Muslime leben. Die Bosniaken, wie sie sich nennen, stellen die (relative) Mehrheit der Bevölkerung des Balkanstaates - und ihr Beispiel führt den Widersinn der Behauptung vor Augen, Islam und Demokratie seien immer und allenthalben Gegensätze. Gewiss liegt einiges im Argen in Bosnien, doch eines lässt sich nicht sagen: Dass dort radikale Muslime den Ton angäben. Trotz des Krieges von 1992 bis 1995, in dem die meisten der etwa 100.000 Todesopfer bosnische Muslime waren, käme kein maßgeblicher Wortführer der Bosniaken auf die Idee, einer Abschaffung der Demokratie zugunsten eines islamischen Gottesstaates das Wort zu reden.

          Täte es doch jemand, hätte er nennenswerte Gefolgschaft nicht zu erwarten, im Gegenteil. Die große Mehrheit der bosnischen Muslime würde sich von ihm abwenden. Die Trennung von Staat und Religion ist für Bosniens Muslime seit mehr als hundert Jahren eine allgemein akzeptierte Tatsache. Sehr selten und keinesfalls mehrheitsfähig sind in Bosnien fundamentalistische Ansichten. Ausländische Beobachter haben, mal in lobender, meist aber wohl in geringschätzender Absicht, von einem bosnischen „Nachmittagsislam“ gesprochen.

          Eine in der Welt einzigartige demokratische Struktur

          Die liberale Auslegung hängt auch mit der einzigartigen Prägung und Verfasstheit des bosnischen Islam zusammen, der auf osmanische Wurzeln zurückgeht. Die Krieger des Sultans waren es, die ihn bei ihrer Eroberung des Landes im Jahr 1463 im Marschgepäck mitbrachten. In seiner heutigen Erscheinungsform ist der bosnische Islam aber nicht allein durch die mehr als vier Jahrhunderte währende „Türkenzeit“ geprägt, sondern wesentlich auch durch die kurze habsburgische Periode. Der Einfluss des Habsburgerreichs auf Bosnien währte zwar nur von 1878 bis 1918, aber diese vier Jahrzehnte hinterließen auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, ob nun in Verwaltung, Erziehung oder Architektur, prägende Spuren.

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