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Mordfall Boris Nemzow : Das eigentliche Opfer heißt Wladimir Putin

Anhänger Nemzows erinnern am Tatort an das Attentat auf den Kreml-Kritiker. Bild: AP

Mit abstrusen Theorien und Desinformation reagiert der Kreml immer wieder auf politische Morde. Im Fall Boris Nemzow hat Russlands Präsident aber ein echtes Problem.

          5 Min.

          An einem Dienstag im Oktober 2006 in Dresden sprach Wladimir Putin über einen Mord. Es war ein denkwürdiger Auftritt: Drei Tage vor seinem Deutschland-Besuch war in Moskau die bekannte Journalistin Anna Politkowskaja erschossen worden; ein Killer hatte sie im Fahrstuhl ihres Wohnhauses im Zentrum Moskaus mit vier Kugeln getötet. Politkowskaja hatte immer wieder über Mord, Folter und Korruption in Tschetschenien geschrieben, hatte Putin hart kritisiert.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Der russische Präsident, der zu Regierungsgesprächen in die Stadt gekommen war, in der er einst für den KGB gearbeitet hatte, wurde auf der Pressekonferenz mit der Bundeskanzlerin zum Tod der Journalistin befragt. „Dieser Mord bringt den heute Regierenden einen viel größeren Schaden, als es ihre Veröffentlichungen getan haben“, sagte er. Politkowskajas Einfluss auf das politische Leben im Land sei allerdings „unbedeutend“ gewesen. Mit anderen Worten: Ihre Arbeit als Journalistin war schädlich, wenn auch nicht sehr. Ihr Tod aber umso mehr. Denn, so Putin, der Mord sei „gegen Russland und gegen die Regierenden in Russland gerichtet“.

          „Antirussische Stimmung schüren“

          Als vor einer guten Woche der Oppositionspolitiker Boris Nemzow unweit des Kreml erschossen wurde, wiederholte sich dieses Muster. Putins Sprecher bezeichnete den Mord als „Provokation“. Gemeint war, dass die Auftraggeber Russland und seinem Präsidenten schaden wollten. Putin machte damit klar, wer das eigentliche Opfer einer solchen Tat ist: die Herrschenden in Russland, der Präsident. Die staatlichen Medien verbreiteten die Botschaft: Der Kreml hat mit diesem Mord nichts zu tun, denn er schadet ja nur Putin.

          Diese Interpretation haben Putin und andere Regierungsmitglieder bei jedem politischen Mord wiederholt. Niemals waren es die Zustände in Russland, die dazu führten, dass kritische Journalisten oder Menschenrechtsanwälte ermordet wurden. Schuldig sollten die Feinde Russlands sein, die diese Morde in Auftrag gaben, um Putin als Mörder dastehen zu lassen.

          Der russische Präsident ließ dieses Motiv schon 2006 in Dresden anklingen. Dort trat er zusammen mit Angela Merkel auf dem „Petersburger Dialog“ auf, dem deutsch-russischen Gesprächsforum. Es sei bekannt, dass es Leute im Ausland gebe, die schon lange danach trachteten, jemanden als Opfer zu präsentieren, „um antirussische Stimmungen in der Welt zu schüren“. Gemeint war der ehemalige Strippenzieher im Kreml, Boris Beresowskij, der nach dem Zerwürfnis mit Putin ins Londoner Exil gegangen war.

          Im Falle Politkowskajas gingen regierungskritische Journalisten, aber auch Moskauer Ermittler davon aus, dass Ramsan Kadyrow, der Herrscher in Tschetschenien, hinter dem Mord stehe. Immer wieder hatte Politkowskaja darüber berichtet, wie Kadyrows Leute ungestraft folterten und mordeten. Doch der Tschetschenenführer ist ein mächtiger, vom Kreml gedeckter Mann, er ist unantastbar. In Moskau unterhält er eine Privatarmee, die in einem Hotel logiert. Kadyrow selbst rechtfertigte sich gegen die Anschuldigungen damit, dass er als Tschetschene keine Frauen töte, auch wenn, wie er in einem Interview sagte, Politkowskaja „nichts Menschliches“ an sich gehabt hätte.

          Anna Politkowskaja wurde im Oktober 2006 ermordet.

          Die Ermittler betrieben im Fall des Mords an der Journalistin großen Aufwand, um eine Spur zu Beresowskij zu finden. Vergeblich. Beresowskij starb am 23. März 2013 in seinem Wohnhaus im britischen Ascot. Anzeichen für ein Fremdeinwirken wurden nicht gefunden. Da man Spuren von Strangulation an seinem Hals feststellte, wurde ein Selbstmord durch Erhängen vermutet.

          An dem Interpretationsmuster des Kreml hat Beresowskijs Tod nichts geändert. Die Behauptung, dass die Opposition bereit sei, ihre eigenen Leute umzubringen, um den Mord der russischen Führung in die Schuhe zu schieben, wird weiterverbreitet. Es ist eine Vorstellung, die zum Arsenal verdeckter Kriegsführung gehört – wie Partisanen, die sich die Uniform des Gegners anziehen, um in seinem Namen ein Gemetzel anzurichten.

          „Säufer oder Drogenabhängige“

          Tatsächlich sagt dieses Denken viel über Putin und seine Umgebung aus. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB wird verdächtigt, diese Taktik selbst 1999 im Vorfeld des zweiten Tschetschenien-Kriegs angewendet zu haben. Damals wurden Wohnhäuser in Moskau und zwei Provinzstädten in die Luft gesprengt, es gab mehr als 300 Tote. Die Tat wurde den tschetschenischen Separatisten angelastet, um die öffentliche Stimmung für den Tschetschenien-Krieg zu bereiten.

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