https://www.faz.net/-gpf-a8vz9

Britische Corona-Politik : Johnsons Weg aus dem Lockdown

Boris Johnson am 17. Februar beim Besuch eines Impfzentrums in Cwambran Bild: Reuters

Obwohl das Impfprogramm alle Erwartungen übertrifft, ist die britische Regierung zurückhaltend bei den Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Ein Gefühl der Normalität dürfte frühestens nach Ostern eintreten.

          3 Min.

          Obwohl das Impfprogramm alle Erwartungen übertrifft und die wichtigsten Risikogruppen schon immunisiert sind, dürfen die Briten frühestens im April auf eine langsame Normalisierung des Alltags hoffen. Bei der Ankündigung seines „Fahrplans“ aus dem Lockdown sagte Premierminister Boris Johnson am Montag, dass die Bedrohung noch immer erheblich sei.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Das Ziel, ein „Covid-freies Land“ zu werden, sei nicht erreichbar, und jede Maßnahmenlockerung ziehe zwangsläufig neue Infektionen, Krankenhausbehandlungen und auch Tode nach sich, weil kein Impfschutz vollständig sei. Der Weg aus den Einschränkungen müsse daher „vorsichtig aber unumkehrbar“ sein und in eine „Einbahnstraße zur Freiheit“ münden, sagte er am Abend bei einer Pressekonferenz. Laut Johnsons medizinischem Chefberater Chris Whitty muss sich die Bevölkerung für die absehbare Zukunft darauf einstellen, mit Corona so zu leben wie mit der Grippe.

          Lockerungen in Altenheimen

          Die erste wichtige Veränderung beginnt in zwei Wochen, am 8. März, wenn alle Schulen und Universitäten wieder öffnen sollen. (Kindergärten waren während des laufenden, dritten Lockdowns nicht geschlossen.) Dies gilt zumindest für England; in Schottland, Wales und Nordirland entscheiden die Regionalregierungen. Aufatmen dürfen auch die (seit Wochen immunisierten) Bewohner von Altenheimen. Sie dürfen vom 8. März an wieder Besuch empfangen – allerdings nur von „einer benannten Person“. Erlaubt sein soll es den Bürgern auch, mit einem Mitglied außerhalb des eigenen Haushalts auf einer Parkbank zu sitzen. Bisher ist nur das gemeinsame Laufen oder schnelle Gehen gestattet.

          Drei Wochen später soll dann bis zu sechs Personen erlaubt werden, sich im Freien zu sehen. Gleichzeitig sollen Sportarten im Freien wieder möglich sein und etwa Golf- und Tennisplätze öffnen dürfen. Außer Kraft gesetzt wird an diesem Tag auch das Verbot, den engeren Radius ums eigene Haus nicht zu verlassen. Eintägige Fahrten an andere Orte werden möglich, aber noch keine Übernachtungen.

          Frühestens am 12. April werden dann die Städte wieder vorsichtig mit Leben erfüllt sein, wenn Briten (mit Familienangehörigen) im Inland reisen und „nicht-essentielle“ Geschäfte öffnen dürfen. Auch Pubs und Restaurants dürfen dann wieder Tische aufstellen, sofern sie über Außenflächen verfügen. Im Kabinett war überlegt worden, dies mit einem Ausschankverbot für Alkohol zu koppeln; davon wurde, nach spöttischen Kommentaren, Abstand genommen. Am 12. April soll ferner bekanntgegeben werden, ob und wann Maskenpflichten und Abstandsgebote fallengelassen werden, ob „Status-Zertifikate“ – vulgo: Impfpässe – zum Einsatz kommen und wann Urlaubsreisen ins Ausland wieder möglich sind.

          Bis Hoteliers die Tore öffnen und Gastronomen innen bedienen dürfen, müssen sie weitere fünf Wochen, bis zum 17. Mai, warten. Noch einmal fünf Wochen, also bis zum 21. Juni, will die Regierung ins Land ziehen lassen, bis sie alle Kontaktbeschränkungen aufhebt und auch wieder Theater- und Kinovorführungen, öffentliche Sportereignisse und Tanzen in Nachtclubs unter bestimmten Vorsichtsmaßnahmen erlaubt. Die Fünf-Wochen-Schritte erklärte Johnson damit, dass es vier Wochen dauere, bis jeweils die Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen ausgewertet seien, und eine weitere Woche, die für die Vorbereitung der neuen Stufe gebraucht würde.

          Vor jeder Lockerungsstufe will die Regierung „vier Tests“ anwenden. Zum einen müsse die Impfkampagne weiterhin nach Plan laufen, zum anderen gesichert sein, dass die Impfstoffe ausreichend zur Verringerung von Covid-bedingten Todesfällen und Krankenhausbehandlungen führen. Garantiert sein müsse aber auch, dass neue Infektionen die Krankenhäuser nicht überlasten und dass neue Varianten des Virus das Risiko der Maßnahmenlockerung nicht „grundlegend verändern“.

          F.A.Z.-Newsletter Coronavirus

          Alle Nachrichten und Hintergründe über die Ausbreitung und Bekämpfung der Epidemie.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Die ersten beiden Tests dürften dauerhaft bestanden werden. Die Impfkampagne verläuft organisatorisch besser als erwartet und wird sich, sofern keine Versorgungslücken entstehen, eher noch beschleunigen. Auch die Wirksamkeit der Impfstoffe steht nicht in Frage. Laut dem schottischen Gesundheitsdienst sind klinisch zu behandelnde Infektionen bei Biontech-Geimpften um 85 Prozent und bei Astra-Zeneca-Geimpften sogar um 94 Prozent zurückgegangen – jeweils nach einer Dosis. In England ergab eine am Montag veröffentlichte Studie ebenfalls hohe Schutzraten für Geimpfte. 

          Die letzten beiden Tests hängen dagegen von den Entwicklungen der Zukunft ab, was vor allem in Johnsons Fraktion zu Unmut führt. Der Abgeordnete Mark Harper, der die Lockdown-Skeptiker auf den Bänken der Konservativen anführt, sagte am Montag: „Einschränkungen beizubehalten, weil eine neue Variante auftauchen könnte, ist ein Rezept für das Nie-wieder-Öffnen.“ Ernsthafter Widerstand im Parlament kündigt sich bislang aber nicht an.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Blaulichtfahrten seien das Privileg des Politikers, hat Markus Söder sinngemäß einmal gesagt.

          Kanzlerkandidatur : Die Wette auf Söder

          Der bayerische Ministerpräsident hat die CSU fest im Griff, deshalb redet keiner öffentlich über die K-Frage. Aber viele glauben, dass es ihren Vorsitzenden nach Berlin zieht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.