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Boris Johnson tritt ab : Gescheitert am eigenen Charakter

  • -Aktualisiert am

Nachmieter gesucht: Downing Street 10, London Bild: Reuters

Für einen Populisten wie Johnson war es bis zuletzt undenkbar, dass er nicht mehr populär sein könne. Am Ende aber hatte er sich einige Unwahrheiten zu viel geleistet.

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          Schon während der Brexit-Kampagne im Jahre 2016, die ihn am Ende ins ersehnte Amt des Premierministers spülte, hat es Boris Johnson mit der Wahrheit nicht so genau genommen. Er verstand Politik immer so, dass er mit großen Worten die größte mögliche Wirkung erzielen wollte. Für die Mühen der Ebene, die praktische Umsetzung der politischen Vorhaben, konnte er sich nie wirklich begeistern. Solche Kleinigkeiten werden von Untergebenen erledigt, eine Haltung, die in der britischen Oberklasse schon einmal vorkommt.

          Diese Eigenschaft hat Johnson als Londoner Oberbürgermeister nicht ernsthaft geschadet, gab es doch auf nationaler Ebene immer jemanden, den er für Fehlentwicklungen verantwortlich machen konnte. Sein unkonventionelles Auftreten kam bei vielen gut an. Er erreichte Zustimmung auch bei Wählern, die nicht zu den natürlichen Anhängern der Konservativen Partei gehören.

          Brexit war keine Herzensangelegenheit

          Genau dies machte Johnson für die Partei, die sich immer als „natürliche“ Regierungspartei Großbritanniens verstanden hat, überaus attraktiv. Der Austritt des Landes aus der Europäischen Union war für Johnson, im Gegensatz zu vielen anderen in der Partei, keine Herzensangelegenheit. Vielmehr hatte er eine Zeitlang halböffentlich darüber sinniert, ob er nicht vielleicht doch für einen Verbleib in der EU eintreten solle. Die Stimmung in der Partei richtig einschätzend, setzte er sich dann aber an die Spitze der Brexit-Bewegung. Hier sah er die Chance, am Ende ins Amt des Premierministers aufzurücken. Seine Vorgängerin Theresa May, der er offiziell zwei Jahre lang als Außenminister diente, tat ihm den Gefallen, sich durch allerlei politische Ungeschicklichkeiten selbst so weit zu schwächen, dass der Weg für Johnson frei wurde.

          Mit ihm, das glaubte der größte Teil der Konservativen Partei, das glaubte wie sich herausstellte auch eine Mehrheit der britischen Wähler, werde alles besser werden. Der gewaltige Energie ausstrahlende Johnson werde es „Europa“ schon zeigen, dachte man.

          Corona-Krise förderte seine Schattenseiten zutage

          Aber schon hier zeigten sich die Grenzen des Populisten. Er verstand es meisterhaft, das Austrittsabkommen mit der EU zu „verkaufen“. Als die Menschen dann aber in der Praxis sahen, was ihr selbsternanntes Genie in der Downing Street da mit Brüssel verhandelt hatte, begann die große Enttäuschung. Das Nordirland-Protokoll, das Johnson bereit ist, einseitig zu brechen, nur um nicht zugeben zu müssen, dass er von seinem Standpunkt aus schlecht verhandelt hat, ist nur ein Beispiel.

          Die Corona-Pandemie und der Umgang mit ihr förderten dann endgültig die Schattenseiten Johnsons zutage. Erst verharmloste er die Seuche, dann traf er erratische Entscheidungen. Und als er den Ernst der Lage erkannt hatte und die Briten darauf einschwor, ließ er – wie sich im Nachhinein herausstellte – für sich andere Regeln gelten als für alle anderen. Das leugnete er zuerst. Er gab immer nur das zu, was sich nicht mehr leugnen ließ.

          Bis zuletzt glaubte er, die Menschen würden ihm alles durchgehen lassen. Er unterlag dem Trugschluss aller Populisten. Die halten es für unmöglich, dass sie unpopulär sein könnten. Die Konservative Partei hat, wie jetzt auch Boris Johnson erfahren musste, ihren ausgeprägten Machtinstinkt nicht verloren und ihn zum Rückzug gezwungen. Gescheitert ist Boris Johnson nicht an irgendwelchen Verschwörungen, sondern letztlich am eigenen Charakter.

          Peter Sturm
          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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