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Boris Johnson : Der Clown, der Weltkönig sein wollte

Boris Johnson im Juli in London Bild: dpa

Boris Johnson wollte schon als Kind „Weltkönig“ werden. Nun darf er zumindest ein ehemaliges Weltreich regieren.

          Boris Johnson hat es geschafft. Der Mann, der laut seiner jüngeren Schwester Rachel schon als kleiner Junge „Weltkönig“ werden wollte, darf nun, im Alter von 55 Jahren, zumindest ein ehemaliges Weltreich regieren. Dass Johnson britischer Premierminister werden könnte, darüber war schon lange geredet worden – lange bevor er vor drei Jahren als Außenminister sein erstes Regierungsamt übernahm (und im vergangenen Sommer wieder abgab). Und beinahe ebenso lange wurde davor gezittert. 

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Manche sahen schon im Internatsschüler Johnson einen „future leader“. Er war einer der Besten im Eton College und stach laut seiner Zeugnisse auch als Persönlichkeit heraus. Das ändert sich auch nicht in Oxford, wo der Student der Altertumswissenschaften bald an die Spitze der berühmten Oxford Union gewählt wurde, den Übungsraum für künftige Führungspersönlichkeiten.

          Mit Selbstironie und guter Laune

          Johnson war immer wettbewerbsorientiert und damit beschäftigt, mögliche Konkurrenten auszustechen. Gutgelauntheit, Selbstironie und ein oft clowneskes Auftreten verliehen seinem Aufstieg dabei etwas scheinbar Harm- und Müheloses.

          Sein Berufsleben begann wenig vielversprechend, ja unglücklich, als ihn die „Times“ wegen eines erfundenen Zitats schon als Jungredakteur feuerte. Auch in seiner Zeit beim „Daily Telegraph“ ordnete er die journalistische Sorgfalt zuweilen dem Effekt unter und schickte manch aufgebauschte Geschichte aus Brüssel, wo er fünf Jahre als Korrespondent arbeitete.

          1964 wurde Johnson, der von vielen einfach „Boris“ genannt wird, in New York als Alexander Boris de Pfeffel Johnson geboren. Schon als Kind habe er den Wunsch geäußert, einmal „König der Welt“ zu werden. Diesen Kindheitstraum verriet seine Schwester Rachel einem Biographen. Bilderstrecke

          Das hinderte den Verleger des „Telegraph“ nicht daran, Johnson zum Chefredakteur des Intellektuellenmagazins „The Spectator“ zu machen – ein Job, der Johnson schon bald so wenig ausfüllte, dass er sich nebenher ins Unterhaus wählen ließ. Noch Jahre später sah er – und auch sein Arbeitgeber – keinen Widerspruch darin, gleichzeitig Abgeordneter und Journalist zu sein.

          Nur in seiner Phase als Außenminister legte Johnson seine wöchentliche, äußerst großzügig bezahlte Kolumne beim „Telegraph“ auf Eis. Da dürfte sie jetzt abermals landen, jedenfalls solange er sich in Downing Street hält.

          Schon vor seinem 40. Geburtstag war Johnson eine landesweit bekannte „Celebrity“, mit Auftritten in Comedyshows und öffentlich diskutierten Skandalen, die meistens mit Frauen zu tun hatten. Einer von ihnen kostete ihn seinen Posten im konservativen Schattenkabinett und warf ihn in eine Krise. Als sich dann Gelegenheit bot, für das Bürgermeisteramt in London zu kandidieren, griff er beherzt zu.

          Johnson verlor die Nerven

          Die Olympischen Spiele in der britischen Hauptstadt boten ihm im Sommer 2012 die Bühne, die er als geübte Rampensau zu bespielen wusste. Zehntausende jubelten ihm damals im Hyde Park zu und riefen „Boris! Boris!“. Johnsons Popularität, die weniger seine politische Bilanz reflektierte als seine gewinnende Art, machten ihn zu einem Hoffnungsträger der Konservativen. Wer zweimal das „rote London“ von sich überzeugen konnte, der kann auch Wahlen im ganzen Land gewinnen, sagten viele.

          Doch als seine Chance gekommen war, und er im Sommer 2016 – als Anführer der siegreichen Brexit-Kampagne – für die Nachfolge von David Cameron kandidierte, versagten ihm die Nerven. Kurz vor seiner offiziellen Bewerbungsrede sprach ihm sein Kampagnenchef Michael Gove die Eignung ab und warf selber seinen Hut in den Ring. Viele glauben, Johnson hätte den parteiinternen Machtkampf auch so gewinnen können, aber der zog sich lieber zurück.

          Das Amt des Außenministers, das ihm die neue Premierministerin Theresa May dann wenig später antrug, füllte er mit der Attitüde aus, als sei es für ihn eine Nummer zu klein. Er interessierte sich mehr für die großen Linien, nicht nur in der Außenpolitik, als für die Details des Ressorts. Er machte Fehler und nährte die Überzeugung seiner Gegner, dass er für hohe Regierungsämter nicht taugt.

          Nach seinem Rücktritt (aus Protest gegen Mays „Deal“) setzte er dann zum zweiten und entscheidenden Sprung an. Diesmal ging er umsichtiger vor. Er hielt sich aus dem Scheinwerferlicht zurück, äußerte sich vorsichtiger und wartete darauf, dass ihm die Zeit in die Hände spielen würde. Als May endgültig scheiterte, war er der Mann der Stunde.

          „D.U.D.“ lautete seither der Schlachtruf: Deliver, Unite, Defeat. „Boris“, heißt es in seinem Lager, werde erst den Brexit umsetzen, dann die Konservative Partei wieder vereinen, und schließlich bei den nächsten Wahlen den Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn bezwingen.

          An diesem Mittwoch, wenn er von der Queen zum Regierungschef ernannt wird, beginnt im britischen Politikdrama ein Akt, bei dem das Publikum den Atem anhalten wird.

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