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Boris Johnson und Twitter : Fuß auf dem Tisch? Skandal!

Eklat oder humorvolle Geste? Boris Johnson am Donnerstag bei Emmanuel Macron im Elysée-Palast in Paris Bild: dpa

Boris Johnson legt bei Präsident Macron flegelhaft den Fuß auf den Tisch – oder war doch alles ganz anders? Warum „Footgate“ ein Beispiel für die fatale Empörungsroutine in den Netzwerken ist.

          Am Freitag machte ein Bild aus Paris im Netz die Runde, es zeigte das Treffen des britischen Premierministers Boris Johnson mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron am Donnerstag im Elysée-Palast. Auf dem Bild sitzen beide einander gegenüber, und Johnson hat seinen rechten Fuß auf den kleinen Tisch zwischen ihnen gelegt. Ausgerechnet Boris Johnson! Dieser Brexit-Rüpel! Den Fuß auf den Tisch!

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Es dauerte nicht lange, da verbreitete sich das Bild in den sozialen Netzwerken – und wurde dort mit viel Schaum vor dem Mund kommentiert. Was erlaube sich Johnson da, wie könne er nur – was für eine Geschmacklosigkeit! Die Szene passte in das Bild, das viele (durchaus zu Recht) von Johnson haben, der in der Vergangenheit nicht immer durch geschmackssicheres Auftreten und diplomatische Finesse geglänzt hat. Auch große Nachrichtenportale griffen das Foto rasch auf und stellten erschüttert Fragen wie diese: „Ist das jetzt nur wieder eine neue Flegelhaftigkeit oder hat die Geste eine geheime Botschaft?“

          Was die Erregungsmaschinerie des Netzes allerdings (wieder einmal) nicht beachtete: Der vermeintliche Fauxpas war eine Momentaufnahme aus einer längeren Szene  – und wenn man die betrachtet, löst sich der Skandal schnell in Wohlgefallen auf. In der längeren Videosequenz sieht man Macron und Johnson beim entspannten Geplänkel, dann deutet Macron auf den kleinen Tisch, so als wolle er im Scherz zu Johnson sagen: „Der hat eine gute Höhe für die Füße, sehr entspannend!“ Dann legt Johnson für eine Sekunde den Fuß auf den Tisch, nimmt ihn aber gleich wieder herunter. Dabei winkt er beschwichtigend den Fotografen zu, so als wisse er genau, dass so eine Szene für sie ein gefundenes Fressen ist. Der Reporter Tom Rayner vom Sender Sky News schrieb am Freitag auf Twitter, Macron habe Johnson den Tisch wohl tatsächlich scherzhaft als Fußablage vorgeschlagen, wenn er sich zurücklehnen wolle. Das habe Johnson dann auch kurz getan.

          Johnsons „flegelhafte Geste“ war also offenbar eine humorvolle Einlage, vielleicht auch ein verblüffend selbstironisches Spiel mit dem desaströsen eigenen Image – aber mitnichten der „Skandal“, der in den Netzwerken daraus gemacht wurde.

          „Footgate“, wie das Foto danach auf Twitter genannt wurde, belegt damit wieder einmal die Empörungsroutine in den sozialen Netzwerken, die binnen kurzer Zeit eine fatale Eigendynamik entfalten kann. Ein Satz, ein Foto oder ein Kommentar wird mitunter undifferenziert aus dem Kontext gerissen und geteilt; wenn der Schnipsel dann noch ein weit verbreitetes Image zementiert wie jetzt bei Johnson (dem „Rüpel“) oder auf den schnellen Blick für einen Skandal taugt, ist der Shitstorm nicht mehr weit. Die Schnelligkeit des Mediums, in dem Skandal-Posts sich durch den „Teilen“-Button schnell exponentiell verbreiten, verstärkt diesen Trend noch. Ein sich selbst beschleunigendes System wie ein Dampfkochtopf, aus dem keine Luft mehr entweichen kann.

          Kontext und Differenzierung, dafür hat ein Medium wie Twitter oft ebenso wenig Muße wie für (Selbst-)Ironie und Humor. Erst recht nicht, wenn er von einem „Flegel“ wie Boris Johnson kommt.

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