https://www.faz.net/-gpf-9xxpy
Bildbeschreibung einblenden

Boris Johnson hat Corona : Regieren vom Ledersessel aus

Boris Johnson bei einer Videokonferenz mit den g20 Bild: EPA

Der Premierminister wirkt nicht angeschlagen, als er den Briten seine Erkrankung mitteilt. Doch Boris Johnson könnte in den vergangenen Tagen viele Minister und Mitarbeiter angesteckt haben. Bleibt die Regierungszentrale handlungsfähig?

          3 Min.

          Mit „Hi Folks” – „Hallo Leute” – meldete sich Boris Johnson am Freitag aus einem wohnlich wirkenden Zimmer. Er saß in einem Ledersessel und sah etwas zusammengerutscht aus, was vermutlich mit dem ungünstigen Aufnahmewinkel seiner Laptop-Kamera zu tun hatte.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Ansonsten wirkte der Premierminister weitgehend unverändert, als er die Öffentlichkeit auf seinem Twitter-Account darüber informierte, dass er positiv auf den Corona-Virus getestet worden sei und nunmehr die Regierungsgeschäfte sieben Tage lang aus seiner Privatwohnung führen werde, mit Hilfe von Videokonferenzen. Er nutzte den Video-Auftritt, um den mehr als 500.000 Freiwilligen zu danken, die sich als Helfer für den staatlichen Gesundheitsdienst NHS gemeldet hatten, und forderte die Briten ein weiteres mal auf, zuhause zu bleiben.

          Gesundheitsminister ebenfalls infiziert

          Johnson hatte sich auf Anraten des medizinischen Chefberaters der Regierung testen lassen, nachdem er am Donnerstag milde Symptome entwickelt hatte. Noch wenige Stunden vor dem Testergebnis war er mit Schatzkanzler Rishi Sunak vor seinem Amtssitz in London aufgetreten, um sich an der landesweiten „Applaus-Aktion“ zu beteiligen, mit der die Anstrengungen der Ärzte und Krankenschwestern gewürdigt wurden.

          Unklar blieb am Freitag, wie stark die Handlungsfähigkeit der Regierungszentrale von Johnsons Erkrankung betroffen ist. Mehrere Mitarbeiter in der Downing Street, die engen Kontakt zu Johnson hatten, sollen sich noch am Freitag in die Isolation zurückgezogen haben. Im Sicherheitskabinett, das am Amtssitz des Premierministers tagt, hatte Johnson in den vergangenen Tagen auch mit Ministern und hohen Entscheidungsträgern im Sicherheitsapparat an einem Tisch gesessen. Gesundheitsminister Matt Hanckock leidet inzwischen auch unter dem Virus, wie am Freitag bekannt wurde. Zudem begab sich der medizinische Chefberater der Regierung Chris Whitty in häusliche Isolation, nachdem er Symptome entwickelte, die auf eine Ansteckung mit dem Coronavirus deuteten.

          Getestet werde nur, wer Symptome zeige, sagte ein Sprecher in Downing Street. Die Queen hatte Johnson zuletzt am 11. März gesehen – zwei Tage bevor sie ihren Sohn, Kronprinz Charles, zuletzt getroffen hatte, der in dieser Wochen ebenfalls positiv getestet wurde. Die Königin, die sich in Schloss Windsor aufhält, sei bei guter Gesundheit, hieß es aus dem Buckingham Palace.

          Ernsthaft, aber undramatisch

          Von überall erreichten Johnson am Freitag Genesungswünsche. Labour-Chef Jeremy Corbyn wünschte ihm gute Besserung, und auch Londons Bürgermeister Sadiq Khan, der den Premierminister in den vergangenen Tagen oft kritisiert hatte, schrieb: „Tut mir leid, das zu hören, und hoffe, Sie fühlen sich bald besser.” Anteil nahm auch der Brexit-Verhandlungsführer der Europäischen Union, Michel Barnier. Seinen Genesungswünschen folgte ein Satz, den man auch als versteckten Kommentar zum Austritt der Briten aus der EU lesen kann: „Ich bin überzeugt, dass Europa diese Schwierigkeiten gemeinsam überwinden kann.”

          In seiner kurzen Videobotschaft schlug Johnson den gleichen Ton an wie in den vergangenen Tagen: ernsthaft und entschieden aber nicht dramatisch. So ungefähr stellt sich derzeit auch das Leben der Briten dar. Die meisten Bürger folgen den Anordnungen der Regierung und halten den empfohlenen Zwei-Meter-Abstand ein, wenn sie zum Supermarkt gehen oder zu ihrer – einmal am Tag genehmigten – Körperertüchtigung an der frischen Luft. Sie tun das unaufgeregt, mit der Einsicht ins Unvermeidliche. Eine Ausnahme sind die mehr als drei Millionen selbständig Beschäftigten, die oftmals noch immer ins Büro oder auf die Baustelle fahren. Um auch ihnen die Angst vor dem wirtschaftlichen Ruin zu nehmen, hatte Schatzkanzler Rishi Sunak am Donnerstag ein weiteres Hilfsprogramm vorgelegt.

          Die Zahl der Toten drohte am Freitag auf mehr als 600 zu steigen. Die wahre Ausbreitung der Infektionen ist wegen der geringen Testdichte noch unklarer als in vielen anderen Ländern Europas. Bislang macht der Premierminister keine Anstalten, die Maßnahmen zur sozialen Distanzierung zu verschärfen. Zeitungen berichteten am Freitag über einen Streit mit Innenministerin Priti Patel, die angeblich den Reiseverkehr einschränken und die Flughäfen schließen will. Johnson und Außenminister Dominic Raab, der den Premierminister im Falle einer ernsthaften Erkrankung vertreten würde, wollen die verbliebenen Flugrouten hingegen offenhalten, auch um den Briten im Ausland weiterhin den Heimweg zu ermöglichen. 

          Weitere Themen

          Vereinigte Staaten und Mexiko auf Kuschelkurs Video-Seite öffnen

          Obrador in Washington : Vereinigte Staaten und Mexiko auf Kuschelkurs

          Mexikaner sind allesamt kriminell und Vergewaltiger? Beim Besuch des mexikanischen Staatschefs Andrés Manuel López Obrador in Washington war von Präsident Donald Trump nichts Ähnliches zu hören. „Wir haben ein herausragendes Verhältnis“, sagte Trump.

          Topmeldungen

          Verfassungsschutzbericht : Erstarken die Ränder?

          Horst Seehofer legt heute den Verfassungsschutzbericht für das Jahr 2019 vor. Wahrscheinlich werden Rechts- und Linksextremismus darin viel Platz einnehmen. Verfolgen Sie die Präsentation in unserem Livestream.

          Jubel und Schock bei Klopp : „Das ist unglaublich!“

          Der FC Liverpool spielt in der Premier League weiter beeindruckend erfolgreich und jagt nun sogar eine ganz besondere Bestmarke. Doch bei der Partie gegen Brighton kommt es auch zu einem Schreckmoment.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.