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Kommentar zur Bombenexplosion : Eine eindringliche Warnung

Spurensicherung nach der Explosion einer Autobombe vor einem Gericht im Zentrum der nordirischen Stadt Londonderry. Bild: Reuters

Die Bombenexplosion in Nordirland sollte der britischen Politik eine Warnung sein. Was muss noch passieren, bevor alle Beteiligten am Brexit-Streit erkennen, auf welch gefährlichem Weg sie sind?

          Bombenexplosionen in Nordirland gehören seit 20 Jahren der Vergangenheit an – dachte man zumindest. Jetzt ist es wieder passiert. Und der Ablauf – Explosion nach telefonischer Vorwarnung – klingt verdächtig, verdächtig vertraut. Das sagt aber nichts darüber, wer hinter der Tat steckt, bei der glücklicherweise niemand verletzt wurde.

          Was man freilich sagen kann: Die Explosion erschüttert ein Land, das ohnehin so gespalten ist wie seit vielen Jahren nicht mehr. Immerhin heißt es seit dem Tag des Brexit-Referendums im Jahre 2016, dass große Gefahr für den Frieden in Nordirland drohe, wenn zwischen den beiden Teilen Irlands eine „harte“ EU-Außengrenze entstehe. Ein Zusammenhang zwischen der das ganze Vereinigte Königreich zerreißenden Debatte über den Weg aus der EU und dem Anschlag in Nordirland ist deshalb naheliegend, aber natürlich nicht erwiesen. Alle maßgebenden politischen Kräfte in Nordirland haben die Tat sofort scharf verurteilt. Das zeigt immerhin, dass ein Rückfall in alte Schlachtordnungen hoffentlich vermieden werden kann. Dass Extremisten auf allen Seiten für politische Vernunft nicht zugänglich sind, ist leider eine nicht auf Nordirland begrenzte Tatsache.

          Die britische Politik sollte die Explosion, unabhängig von Urhebern und deren Motiven, als ernste Warnung verstehen. Die durch die Folgen des Brexit-Referendums verschärfte innenpolitische Polarisierung droht mittlerweile in offene Feindschaft zwischen den Lagern auszuarten. Dieses politische Gift hat schon während des Wahlkampfes vor der Volksabstimmung ein Todesopfer gefordert, eine Parlamentsabgeordnete, die für den Verbleib des Landes in der EU eingetreten war. Man fragt sich, was eigentlich noch passieren muss, bevor alle Beteiligten am Brexit-Streit erkennen, auf welch gefährlichen Weg sie sich begeben haben.

          Es muss ein vernünftiger Ausweg gefunden werden. Und so heilsam Zeitdruck in der Politik zuweilen sein kann; hier und jetzt wird das Datum 29. März zum Hindernis. Es ist offensichtlich, dass die Krise bis zu diesem Tag nicht zu lösen ist. Es ist nicht ehrenrührig, wenn Politiker für wirklich wichtige Dinge mehr Zeit brauchen als ursprünglich gedacht. Entscheidend ist, was am Ende herauskommt. Dann könnte die Explosion in Nordirland zu einer Fußnote der Geschichte werden, aber nur dann.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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