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Bombenanschläge beim Boston-Marathon : „Keiner trägt seine Medaille“

  • -Aktualisiert am

Geschockt, aber unverletzt: Ein Läuferin nach den Anschlägen beim Boston Marathon Bild: AP

Nach den Terroranschlägen beim Bostoner Marathon stehen die Läufer unter Schock, auch wenn sie unverletzt geblieben sind. Erinnerungen an den 11. September 2001 werden wach.

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          Friederike Edelmann hat die Ziellinie des Bostoner Marathons schon eine halbe Meile hinter sich gelassen, als sie den lauten Knall hört. Die Deutsche, die seit acht Jahren in New York lebt, war am Montag in der dritten Läuferwelle des traditionsreichen Straßenrennens gestartet. Deswegen kommt sie trotz ihrer schnellen Zeit von 3 Stunden und 33 Minuten erst am frühen Nachmittag ins Ziel an der Boylston Street. Gut eine halbe Stunde später explodieren dort zwei Bomben.

          Norbert Kuls
          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Von den ersten Meldungen und den Fotos mit blutverschmierten Menschen, die über Nachrichtenagenturen und Twitter verbreitet werden, bekommt Edelmann nichts mit. Wie die anderen Läufer holt sie hinter dem Zieleinlauf die Tüte mit ihren Kleidern aus den Bussen ab, die sie vom Start zum Ziel transportiert haben. Erst als sie die nächstgelegene U-Bahn nehmen will, wird ihr klar, dass der Boston Marathon 2013 den Teilnehmern nicht wegen schneller Zeiten oder einer ausgelassenen Atmosphäre an der Strecke in Erinnerung bleiben wird. Polizisten blockieren den Eingang zur U-Bahn. „Everybody needs to get out – Alle müssen raus“, bedeuten die Polizisten Edelmann und den anderen verschwitzten Läufern. Es habe Explosionen gegeben.

          Freunde aus Edelmanns Laufgruppe, den New York Flyers, die langsamer unterwegs waren, werden unterdessen mit allen anderen verbliebenen Marathonläufern eine halbe Meile vor dem Ziel abgefangen. Das Rennen ist für sie zu Ende.  Edelmann macht sich mit anderen Läufern auf einen langen Weg zu einer offenen U-Bahn-Station, um zur South Station zu kommen, wo der Zug nach New York abfährt. In der U-Bahn erzählt ihnen eine Frau, dass zwei Bomben detoniert seien. 

          Obama spricht von einem Terrorakt

          Als die Bostoner Polizei am späten Montagnachmittag die erste Pressekonferenz gibt, scheint es, als ob die Stadt Ziel eines koordinierten Angriffs geworden war. Nach jüngsten Angaben kamen bei dem Anschlag drei Menschen ums Leben, darunter ein achtjähriges Kind. Mehr als 170 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

          Neben den beiden Bomben in der Nähe der Marathon-Ziellinie gab noch es einen Vorfall in der Bibliothek „John F. Kennedy“, die mehrere Kilometer von der Laufstrecke entfernt ist. Es soll dort einen Brand mit ungeklärter Ursache gegeben haben. Medienberichten zufolge soll es zudem weitere Sprengsätze gegeben haben, die nicht explodiert seien. Am Dienstag teilte der Gouverneur des Bundesstaates Massachusetts, Deval Patrick, aber mit, dass es über die beiden explodierten Bomben hinaus keine weiteren Sprengsätze gegeben hatte. Die ersten offiziellen Statements sind von Zurückhaltung geprägt. Präsident Barack Obama warnte in einer Ansprache vor voreiligen Schlüssen, bevor man alle Antworten habe. Am Dienstag sprach er von einem Terrorakt. Augenzeugen beschreiben die Szene am Zieleinlauf als eine Art „Kriegszone“.

          „Die Leute sind alle bedrückt“

          Für die Marathonläufer ist der Anschlag ein Schock, selbst wenn sie unverletzt geblieben sind. „Die Leute sind alle bedrückt“, beschreibt Edelmann am Telefon die Atmosphäre im Zug nach New York. Keiner trägt seine Medaille, keiner die beliebten T-Shirts vom Boston Marathon, die die Läufer als Elite unter den Amateuren ausweisen. Für Edelmann war es bereits der zweite Lauf in Boston. Als „euphorisch“ beschreibt sie die Stimmung im vergangenen Jahr. Der Boston Marathon hat eine stolze Geschichte. Es ist der älteste Stadtmarathon der Welt und trotz seiner mehr als 23.000 Teilnehmer eine elitäre Veranstaltung.

          Abgesehen von Läufern, die Geld für eine wohltätige Organisation sammeln, können nur Athleten teilnehmen, die sich mit einer ambitionierten Zeit qualifizieren. „Marathonläufer sind stolz darauf, in Boston mitmachen zu dürfen“, sagt Christian Treitler, der in diesem Jahr zum siebten Mal in Boston dabei war. „Jeder hat eine Geschichte zu erzählen, wie er sich für das Rennen qualifiziert hat“, sagt der 51 Jahre alte Langstreckenläufer. Männer in seiner Alterklasse müssen einen Marathon unter 3 Stunden und 30 Minuten absolviert haben, bevor sie eine Startnummer für Boston erhalten.

          Das ist auch für jüngere Läufer ein flottes Tempo. Treitler startet in der zweiten Startgruppe. Mit einer Zeit von 3 Stunden und 11 Minuten kommt er früh genug an, um die Explosionen zu verpassen. Auf seinem Weg aus der Stadt kommen ihm „hunderte“ Polizeiwagen entgegen. Eine Freundin im Bostoner Vorort Newton ruft an und berichtet von der Explosion. „Sie war total geschockt,“ sagt Treitler.

          Erinnerungen an den 11. September

          Den Österreicher der schon seit mehr als zwanzig Jahren in Amerika lebt, erinnerten die Anschläge auf unheimliche Weise auch an den Terror vom 11. September 2001. Der Morgen an dem zwei Passagierflugzeuge von Terroristen in den Zwillingstürme des World Trade Center gelenkt wurden, war der Beginn eines wunderschönen Herbsttages gewesen. Das Wetter am Marathontag empfand Treitler als ähnlich herrlich. „Es war ein super Tag zum Laufen“.

          Die Organisatoren und die Polizei werden sich in den kommenden Tagen Fragen nach der Sicherheit von derartigen Großveranstaltungen stellen müssen. Nach Berichten der Läufer hat es in Boston keine auffälligen Sicherheitsmaßnahmen gegeben. Taschen wurden auf dem Weg zum Start nicht kontrolliert. Edelmann will sich nun überlegen, ob sie zukünftig Marathon-Großveranstaltungen wie Boston oder New York meidet.

          Treitler gibt sich kompromissloser. „Wenn man sich Angst machen lässt, haben die Terroristen gewonnen“, argumentiert er. „Ich bin nächstes Jahr wieder dabei.“ Die Erinnerung an das Bombenattentat in Boston wird so schnell nicht verblassen. Vor dem Start hatte es eine Schweigeminute für die Opfer des Massakers an der Grundschule Sandy Hook gegeben. „Im nächsten Jahr wird es wohl eine Schweigeminute für die Opfer von Boston“, meint Treitler.

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