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Bombardements in Syrien : So zerstörerisch wie lange nicht mehr

Hilflosigkeit: Ein Mann sitzt in Idlib am Dienstag auf Trümmern eines Hauses. Bild: dpa

Im syrischen Idlib fliegen russische und syrische Bomber Angriffe auf Krankenhäuser und Schulen. Die Bevölkerung fürchtet, das heftige Bombardement könnte ein Vorbote für noch Schlimmeres sein.

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          Sie hatten Glück. „Man hat uns informiert, dass das Krankenhaus ein Ziel ist“, berichtet Wael. Er ist Operationsassistent in der nordwestsyrischen Provinz Idlib, einer der letzten Regionen, die von den Gegnern Baschar al Assads kontrolliert werden. Luftangriffe des Regimes gehören für die Zivilisten dort zum Alltag.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Klinik im Ort Al Haass, wo Wael arbeitete, war nicht ohne Grund unter der Erde eingerichtet worden. Aber das Bombardement ist dieser Tage so tödlich und zerstörerisch wie schon lange nicht mehr. Nicht alle bombardierten Einrichtungen konnten, wie Waels Arbeitsplatz, nach einer Warnung evakuiert werden. „Als die Lautsprecherdurchsage ertönte, liefen die Patienten, die noch dazu in der Lage waren, in Panik davon“, schreibt Wael in einer Kurznachricht.

          Ein paar Leute aus dem Ort warteten auf einem Hügel in der Nähe auf den Angriff. Sie hielten in einem Video fest, wie das Geschoss einschlug, eine turmhohe Wolke aus Staub und Rauch emporschoss und Trümmerteile meterweit durch die Luft geschleudert wurden.

          Einwohner befürchten Großangriff am Boden

          Mindestens zwölf Kliniken sind nach Angaben der Vereinten Nationen seit Ende April von syrischen oder russischen Bombern angegriffen worden, außerdem mindestens zehn Schulen. Im Süden Idlibs und im Norden der Provinz Hama attackieren die Luftwaffen Assads und seines russischen Patrons gezielt zivile Einrichtungen. Gemäß der Genfer Konvention sind Angriffe auf Krankenhäuser Kriegsverbrechen, und auch die Fassbomben, die das Regime wieder über Ortschaften abwirft, sind geächtet.

          Bild: F.A.Z.

          In der Bevölkerung in Idlib geht derweil wieder die Sorge um, dass die massenhaften Angriffe nur Vorboten schlimmerer Greuel sein könnten: einer Großoffensive am Boden. Firas, ein Aktivist und Bürgerjournalist aus Idlib, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Öffentlichkeit über das Grauen in seiner Heimat zu unterrichten, zieht schon Vergleiche mit Schlachten um die Damaszener Vorstädte Ost-Ghoutas oder die nordsyrische Großstadt Aleppo. „Die Luftangriffe erinnern daran“, schreibt er in einer Nachricht. Nun drohten in Idlib „Vertreibung“ und „Massaker“, meint er.

          Schon jetzt sind Heerscharen von Zivilisten vertrieben worden. Nach übereinstimmenden Schätzungen von Hilfsorganisationen waren es mehr als 150.000 Menschen, die im Zuge der aktuellen Gewalteskalation in Richtung der türkischen Grenze nach Norden flohen. Und auch die Zahl der Todesopfer ist hoch. Mehr als 200 Menschen kamen nach örtlichen Angaben durch die Luftangriffe der vergangenen Wochen um.

          Ein kostspieliger Feldzug

          Assads Truppen haben mehrere Orte eingenommen. Doch es herrschen in westlichen Geheimdiensten, unter syrischen Beobachtern und unter Diplomaten Zweifel, dass Assad jetzt zum großen Schlag gegen die von radikalen Islamisten dominierte Rebellenbastion ausholt – oder ausholen kann.

          Der syrische Präsident hat immer wieder angekündigt, ganz Syrien aus der Hand der Aufständischen zurückzuerobern. Das Regime dürfte tatsächlich wild entschlossen dazu sein. Aber Assad könnte Idlib seinem Reich auch scheibchenweise einverleiben. Ein Feldzug zur flächendeckenden Eroberung der Provinz wäre für seine ausgezehrten Streitkräfte ein schwieriges und verlustreiches Unterfangen.

          Assads übliche Belagerungstaktik greift in Idlib nicht, weil im Norden aus der Türkei Güter nach Idlib gebracht werden können. So ist es dem Regime nicht möglich, die Bevölkerung auszuhungern und auf diese Art Druck auf die Rebellen auszuüben. Außerdem stehen die Aufständischen mit dem Rücken zur Wand – und sie sind hartgesotten und kampfstark.

          Die schlagkräftigste und mächtigste Gruppe ist die Islamistenallianz „Hayat Tahrir al Scham“ (HTS), zu der auch Brigaden zählen, die unter dem Banner von Al Qaida kämpfen. Von einem HTS-Sprecher heißt es, es habe eine Generalmobilmachung gegeben und es liefen „riesige militärische Vorbereitungen“.

          Hilfsbereitschaft: Ein Mitarbeiter des Syrischen Zivilschutzes in einer Klinik
          Hilfsbereitschaft: Ein Mitarbeiter des Syrischen Zivilschutzes in einer Klinik : Bild: AFP

          Besorgte Blick aus aller Welt

          In jedem Fall handelt es sich bei der syrisch-russischen Militärkampagne um eine Machtdemonstration, die auch international die Spannungen wieder verschärft. Washington sieht eine „bedeutende Eskalation“. Der Syrien-Sonderbeauftragte des State Department, James F. Jeffrey, sagte der Zeitung „Washington Post“, die amerikanische Regierung mache dies gegenüber Russland „auf allen Ebenen“ deutlich.

          Die Angriffe bedeuten außerdem den Bruch einer Vereinbarung über eine demilitarisierte Zone, die Russland und die Türkei im September vergangenen Jahres im russischen Sotschi geschlossen hatten. Damals hatte ebenfalls ein Sturm auf Idlib gedroht, und es hatte ebenfalls heftige Luftangriffe gegeben – wie dieser Tage im Süden Idlibs und im Norden Hamas.

          Mit Syrien befasste Diplomaten sagen, Moskau sei eigentlich gegen eine Großoffensive in Idlib. Vor allem weil Wladimir Putin sein Verhältnis zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nicht zu stark belasten wolle. Doch in Moskau herrscht schon lange Unmut darüber, dass Ankara sein Versprechen nicht erfüllt hat, die Macht der HTS-Islamisten im Nordwesten Syriens zu brechen und die Al-Qaida-Gefolgsleute zu eliminieren.

          Zerstörung: Ein verwüsteter Klassenraum im syrischen Dorf Kansafrah
          Zerstörung: Ein verwüsteter Klassenraum im syrischen Dorf Kansafrah : Bild: AFP

          Die Rebellen sind aufs Äußerste vorbereitet

          Im Januar hatte die Islamistenallianz ihre Macht in Idlib zementieren können. Ihr Vormarsch gegen andere Rebellengruppen in der Provinz war mit einem Abkommen beendet worden, das Idlib einer faktisch HTS-kontrollierten „Regierung der Errettung“ unterstellte. Westliche Regierungen mussten ihre Projekte zur Stabilisierung der Region einstellen.

          Für Assad liefert die Machtergreifung der Islamisten einen idealen Vorwand, denn er verkauft seinen Krieg als Kampf gegen den „Terrorismus“. Aber wie so oft werden auch in diesen Tagen Zivilisten bombardiert und nichtdschihadistische Aufständische unter Beschuss genommen. Mehrere Orte, die in den vergangenen Tagen vom Regime eingenommen wurden, standen nicht unter der Kontrolle von HTS-Brigaden.

          Der Vormarsch Assads erfolgt in einer Region, die für das Regime von großem Interesse ist. Sie grenzt an die langgestreckte Ghab-Ebene, und diese wiederum grenzt im Osten an die Rebellenbastion Idlib und im Westen an das Kernland der Alawiten, der Bevölkerungsgruppe des Assad-Clans. „Wahrscheinlich will sich das Regime zunächst eine Pufferzone sichern“, vermutet ein syrischer Beobachter, der unter Assad-Gegnern in Syrien gut vernetzt ist.

          „Das wäre auch für die Propaganda ein großer Erfolg, den das Regime angesichts der Versorgungsengpässe und Wirtschaftsprobleme gut gebrauchen kann.“ Vor allem aber gehe es darum, die sunnitische Bevölkerung aus der Region zu vertreiben, sagt der Beobachter, der nicht namentlich genannt werden will. „Das betreibt das Regime schon seit Jahren.“

          Angst: Eine syrische Familie flieht vor Bombenangriffen auf die Stadt Hbeit.
          Angst: Eine syrische Familie flieht vor Bombenangriffen auf die Stadt Hbeit. : Bild: AFP

          Die Zeit läuft gegen die Bewohner Idlibs

          Den Eindruck, dass die Militärkampagne auch eine Vertreibungskampagne ist, teilen auch westliche Diplomaten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. Sie schlagen angesichts der notleidenden Massen Alarm. „Die humanitären Helfer sind schon jetzt überlastet“, sagt Paul Donohoe von der Organisation „International Rescue Committee“.

          Gut drei Millionen Menschen leben in Idlib, etwa die Hälfte von ihnen sind Binnenvertriebene. Hunderttausende leben in Lagern unter erbärmlichen Umständen. Schon vor der aktuellen Eskalation sei die medizinische Versorgung der Bevölkerung „nur unter schwierigsten Voraussetzungen überhaupt noch möglich“ gewesen, heißt es in einer Erklärung des Auswärtigen Amtes vom Mittwoch.

          Deutschland hilft mit Frühwarnsystem

          Berlin hat in diesem Jahr schon 30 Millionen Euro für humanitäre Hilfe im Nordwesten Syriens bereitgestellt. Das Auswärtige Amt fördert das Frühwarnsystem, dem Wael, der Operationsassistent aus Al Haass, womöglich sein Leben verdankt. Das Geschoss traf ein menschenleeres Krankenhaus. Das System warnt die Zivilbevölkerung in Idlib und Nord-Hama, wenn Bomber herannahen, so dass sie rechtzeitig Schutz suchen können.

          Wie bedeutend diese Hilfe ist, zeigt schon der Umstand, dass auch von Deutschland geförderte Krankenhäuser von – sehr wahrscheinlich nicht nur syrischen, sondern auch russischen – Luftangriffen getroffen worden sind. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes zeigte sich außerdem über die Bombardierung eines Krankenhauses „extrem“ besorgt, dessen Koordinaten über die Vereinten Nationen an die russischen Streitkräfte übermittelt worden waren – um es vor Luftangriffen zu schützen.

          Dass es dennoch getroffen wurde, lasse darauf schließen, „dass es sich hier nicht um einen Kollateralschaden im engeren Sinne handelt, weil zumindest der russischen Seite bekannt gewesen ist, dass es sich hier um zivile Infrastruktur handelt.“

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