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Umstrittener Präsident : Bolsonaro verzichtet für Ehrenbürgerwürde auf Klimagipfel

Ehrenbürger statt Klimaschutz: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro ließ den COP26-Klimagipfel ausfallen und schickte stattdessen einen Stellvertreter. Bild: AFP

Während seine Amtskollegen im Anschluss an den G-20-Gipfel in Rom nach Glasgow zum Klimagipfel weiterflogen, blieb der brasilianische Präsident in Italien – eine Kleinstadt machte ihn zu ihrem Ehrenbürger.

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          Was er von internationalen Treffen hält, bei denen es auch oder vor allem um den Klimaschutz geht, hat der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro schon am Sonntag beim G-20-Gipfel im Rom demonstriert. Die meisten Beratungen im Konferenzzentrum im Südosten Roms und auch die Verabredung zum „Familienfoto“ am Trevi-Brunnen im Herzen der Altstadt schwänzte er.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          In italienischen Medienkommentaren hieß es am Montag, es hätte auch schlimmer kommen können: Statt die versammelten Staats- und Regierungschefs vor dem Trevi-Brunnen einfach nur zu versetzen, hätte Bolsonaro – wie einst Anita Ekberg in Federico Fellinis Klassiker „La Dolce Vita“ von 1960 – in dem Brunnen ein Bad nehmen können.

          Brasilianische Journalisten berichteten von Übergriffen des Sicherheitspersonals des Präsidenten am Rande einer Sympathiekundgebung von rund vier Dutzend Bolsonaro-Anhängern in Rom. Wie die Zeitungen O Globo und Folha de São Paulo übereinstimmend schrieben, wurden Sicherheitsleute in Zivil bei der Kundgebung handgreiflich, schubsten und stießen Kameraleute und Reporter. Statt wie die meisten Staats- und Regierungschef am Sonntagabend von Rom nach Glasgow zum COP26-Klimagipfel weiterzufliegen, blieb Bolsonaro in Italien.

          Bolsonaro hat italienische Vorfahren

          Während in Glasgow der brasilianische Umweltminister Joaquim Leite die Delegation aus Brasília anführte, reiste Bolsonaro am Montag in das Städtchen Anguillara Veneta in der Provinz Padua. Dort hatte die Stadtverwaltung unter der Führung von Bürgermeisterin Alessandra Buoso beschlossen, Bolsonaro die Ehrenbürgerwürde zu verleihen.

          Aus der Kleinstadt am Unterlauf der Etsch in Venetien waren die Bolzonaros, wie der Familienname seinerzeit noch geschrieben wurde, im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts nach Brasilien ausgewandert. Heute gibt es rund 60.000 Brasilianer mit familiären Wurzeln in der nordostitalienischen Region Venetien, die meisten von ihnen leben im südbrasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul.

          Nicht nur weil Bürgermeisterin Buoso zur rechtsnationalen Partei Lega des früheren Innenministers Matteo Salvini gehört, rief die Ehrung Bolsonaros heftigen politischen Streit aus. Auch der überaus populäre Präsident der Region Venetien, Luca Zaia, gehört zur Lega Salvinis. Von Zaia weiß man, dass er sich schon zu Zeiten von Bolsonaros Kandidatur für das brasilianische Präsidentenamt von 2018 als glühender Unterstützer seines ausgewanderten „Landsmannes“ geoutet hatte. Heute gilt Zaia als führende gemäßigte Kraft in der Lega.

          Kritik an Brasiliens Umgang mit der Pandemie

          Arturo Lorenzoni, sozialdemokratischer Oppositionsführer im Regionalparlament von Venetien, kritisierte die Auszeichnung für Bolsonaro scharf. Er erinnerte an die verheerende Pandemiepolitik Bolsonaros, der die Gefährlichkeit des Coronavirus sowie die Wirksamkeit der Impfstoffe hartnäckig leugne. Auch mit seiner Klima- und Umweltpolitik, der anhaltenden Abholzung des Regenwaldes im Amazonas, habe sich Bolsonaro für eine Auszeichnung wie die Ehrenbürgerschaft von Anguillara Veneta disqualifiziert.

          Bürgermeisterin Buoso verteidigte die Entscheidung. Die Auszeichnung gehe „nicht in erster Linie an die Person“, sondern richte sich an all die Menschen, die der Präsident nun einmal vertrete. Mit der Ehrenbürgerschaft bringe die Stadt dem Land Brasilien ihren Dank für die freundliche Aufnahme der damaligen Migranten zum Ausdruck.

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