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Bolsonaro gewinnt Stichwahl : Brasiliens Wandel um jeden Preis

Unterstützer von Jair Bolsonaro Bild: dpa

Brasiliens nächster Präsident heißt Jair Bolsonaro. Seine Wähler erhoffen sich vom ultrarechten Abgeordneten aus Rio den ersehnten Umschwung. Seine Gegner sehen die Demokratie in Gefahr.

          Das Knallen der Böller vermischte sich mit der brasilianischen Nationalhymne auf der Avenida Paulista in São Paulo. Als die Wahlbehörde am Sonntag um 19 Uhr die Wahlresultate freigab, die bereits mehr als 80 Prozent der Stimmen umfasste, stand fest: Jair Messias Bolsonaro ist der nächste Präsident Brasiliens. Mit 55,2 Prozent der gültigen Stimmen setzte er sich gegen den Gegenkandidaten Fernando Haddad von der linken Arbeiterpartei PT durch. Und unter den Anhängern Bolsonaros, die mehrere Blocks der zentrale Geschäftsstraße im Herzen der Metropole in die Nationalfarben gelb und grün tauchten, gab es kein Halten mehr. Wie in São Paulo hatten sich die Anhänger des ultrarechten Politikers am Sonntagabend in unzähligen Städten des Landes versammelt, um Bolsonaros Sieg zu feiern – und die Niederlage der PT. „Fora PT“ – weg mit der PT – hallte es durch die Avenida Paulista.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Ablehnung der Partei des früheren Präsidenten Lula da Silva, der wegen Korruption im Gefängnis sitzt und dessen Kandidatur im letzten Moment verweigert wurde, erwies sich in der Stichwahl als Bolsonaros bester Wahlhelfer. Die Ablehnung gegen die Arbeiterpartei, die Brasilien seit der Wahl von Lula im Jahr 2002 und bis zur Absetzung seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff regierte, hat in Brasilien ein derartiges Ausmaß angenommen, dass die Wähler bis weit in die politische Mitte alles für einen Wechsel in Kauf zu nehmen scheinen – selbst Bolsonaro, einen radikalen und intellektuell mittelmäßigen Politiker ohne jegliche Regierungserfahrung.

          Der 63 Jahre alte Hauptmann der Reserve führte über fast drei Jahrzehnte ein stilles Dasein im Kongress, wo er trotz sechsmaliger Wiederwahl nie richtig erst genommen wurde. Zu extrem waren seine Ansichten und seine Äußerungen, mit denen er immer wieder für Aufsehen sorgte. Bolsonaro sprach sich für die Militärdiktatur und deren Foltermethoden aus, er gab immer wieder seine Verachtung gegen Schwule und andere Minderheiten zum Ausdruck und schockierte mit rassistischen und sexistischen Äußerungen. Doch genau diese Provokationen brachten ihn in den vergangenen Jahren ins Rampenlicht und machten ihn schließlich zur Galionsfigur einer neuen brasilianischen Rechten.

          Bolsonaros Kandidatur wäre jedoch nie von Erfolg gekrönt worden, befände sich Brasilien nicht in einer tiefen politischen Vertrauenskrise. Die Wirtschaftskrise, in die Brasilien unter Rousseff geriet, und der gigantische Korruptionsskandal um Petrobras haben in den vergangenen Jahren eine generelle Ablehnung der traditionellen Parteien und Politiker verursacht, die weit über die PT hinausreicht. Bolsonaro verstand es, diese Frustration und Wut der Brasilianer aufzugreifen und sich als Kandidat gegen das Establishment zu verkaufen.

          Gleichzeitig predigte er eine Politik der starken Hand um die Gewalt im Land in den Griff zu bekommen, die für viele Brasilianer zum dringendsten Problem geworden ist. Ein guter Verbrecher, ist ein toter Verbrecher, lautet ein alter Slogan in Brasilien, den auch Bolsonaro vertritt – und mit ihm die Hälfte aller Brasilianer. Während des Wahlkampfes wurde Bolsonaro selbst Opfer der Gewalt. Ein verwirrter Mann verletzte ihn während eines Wahlkampfauftrittes schwer mit einem Messer, was Bolsonaros Popularität laut Experten zuträglich war und den „Mythos“ – wie ihn seine Anhänger nennen – noch verstärkte.

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