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Bolivien : Kokabauernführer wird Präsident

  • -Aktualisiert am

Talent als Anführer und Organisator: Evo Morales Bild: dpa/dpaweb

Evo Morales hat überraschend mit absoluter Mehrheit die Präsidentenwahl in Bolivien gewonnen. Damit zieht erstmals ein Indio als Staatsoberhaupt in den Präsidentenpalast in Laz Paz. Das Land steht vor einem großen Wandel.

          2 Min.

          Evo Morales hatte im Wahlkampf bekundet, er werde das Präsidentenamt mit absoluter Mehrheit erringen, und damit ohne den in Bolivien anstelle einer Stichwahl üblichen Kuhhandel im Parlament.

          Er glaubte vermutlich selbst nicht daran, daß ihm das gelingen könnte, weil ihm in Umfragen bestenfalls 34 Prozent der Stimmen vorausgesagt worden waren. Von der Rührung gepackt und mit Anzeichen der Erschöpfung konnte er schließlich am Wahlabend verkünden, daß er das Ziel erreicht habe. Als neuer Präsident beschert Morales Bolivien einen politischen Wandel, wie ihn das Land seit der letzten Diktatur nicht mehr erlebt hat.

          Von der politischen Elite ignoriert

          Morales ist als Aymara-Indio das erste Staatsoberhaupt Boliviens, das aus der von der bisher regierenden politischen Elite weitgehend ignorierten indigenen Einwohnergruppe stammt, die 80 Prozent der Bevölkerung stellt. Außerdem ist er eine der treibenden Kräfte in den Sozialbewegungen, die mit ihren Streiks und Straßenblockaden zwei seiner Vorgänger stürzten. Und schließlich vertritt Morales als Gewerkschaftsanführer der Kokabauern eine Berufsgruppe, deren Gewerbe Argwohn erregt:

          Morales' Unterstützer sind aus dem Häuschen
          Morales' Unterstützer sind aus dem Häuschen : Bild: REUTERS

          Auch wenn der Koka-Anbau in Bolivien eine jahrhundertealte Tradition hat und Koka weitgehend für den harmlosen Hausgebrauch oder für medizinische und andere nützliche Zwecke produziert wird, ist es ein offenes Geheimnis, daß der Überschuß in die Kokainproduktion und den illegalen Drogenhandel fließt.

          „Kapitän und Schiedsrichter zugleich“

          Seinen Triumph feierte Morales nicht in La Paz, dem Sitz von Regierung und Parlament, sondern unter seinen Leuten in Cochabamba, nahe der Region Chapare, in der er einen Großteil seines Lebens verbracht hat. In den achtziger Jahren war seine Familie auf der Suche nach einem Auskommen in diese Gegend gezogen, eines der wichtigsten Koka-Anbaugebiete Boliviens.

          Evo Morales Ayma wurde am 26. Oktober 1959 in Orinoca im Departement Oruro, 400 Kilometer südlich von La Paz, geboren. Von den sieben Kindern der Familie haben nur drei überlebt, die anderen sind im Alter von ein oder zwei Jahren gestorben. In frühester Jugend hütete er Lamas in den Anden. Bald schon entdeckte er sein Talent als Anführer und Organisator, zunächst im Fußball. Er gründete in seiner Dorfgemeinde eine Mannschaft und war „Kapitän, Delegierter und Schiedsrichter zugleich“, wie er berichtet. Später wurde er Trainer für den gesamten Kanton. Seine Lehrer bescheinigen Morales, ein guter Schüler gewesen zu sein, doch hat er wegen der Lebensumstände der Familie die Sekundarausbildung nicht abgeschlossen.

          Antiamerikanische Haltung gemildert

          Im Chapare kam Morales mit den Gewerkschaften der Kokabauern in Berührung und wurde rasch von den Produzenten der Region als Anführer anerkannt. Von der Gewerkschaftsbewegung aus wagte er Mitte der neunziger Jahre den Sprung in die Politik. Mit seiner linksgerichteten Gruppierung „Bewegung zum Sozialismus“ (Mas) zog er in den Kongreß, gab aber seine Aktivitäten als Gewerkschaftsführer nicht auf. Als sich Morales 2002 zum ersten Mal um die Präsidentschaft bewarb, wurde er wegen seiner Doppelfunktion aus dem Parlament ausgeschlossen. Dies verhalf ihm zu noch größerer Popularität. Bei dem Urnengang landete Morales auf dem zweiten Platz hinter Gonzalo Sánchez de Lozada, zu dessen Sturz 2003 er maßgeblich beitrug.

          Seine scharfe antiamerikanische Haltung hat Morales zuletzt gemildert, trotzdem sorgt seine Wahl zum Präsidenten wegen seiner offen demonstrierten Freundschaft mit dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro und dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, wegen seines Eintretens für eine Freigabe des Koka-Anbaus und seiner Absicht, die Ausbeutung der Bodenschätze nationalisieren zu wollen, für Beunruhigung bei der Regierung der Vereinigten Staaten. Evo Morales ist ledig und hat zwei Kinder von verschiedenen Müttern.

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