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Anschlag in Kanada : Wir sind alle Québécois

  • -Aktualisiert am

Willkommen in Kanada: Polizist einer Spezialeinheit in der Nähe der Moschee. Bild: EPA

Der blutige Anschlag auf eine Moschee in Québec hat Kanada tief erschüttert. Premierminister Trudeau bekräftigt die Solidarität gegenüber der muslimischen Bevölkerung. Doch die Angst bleibt.

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          Wenige Minuten nach dem Massaker in einer Moschee der kanadischen Stadt Québec soll den Täter das schlechte Gewissen gepackt haben. Er rief bei der Polizei an und gestand den Angriff auf die betenden Muslime. Nach kurzer Verfolgungsjagd im Auto hielt er an und ließ sich festnehmen. Ein zweiter Verdächtiger war bereits in der Nähe des Islamischen Kulturzentrums von Québec gefasst worden. Er werde in den Ermittlungen mittlerweile als Zeuge behandelt, twitterte die Polizei allerdings am Abend. Der Täter soll am Sonntagabend um kurz vor 20 Uhr sechs Männer zwischen 35 und 70 Jahren getötet und acht weitere Gläubige teils sehr schwer verletzt haben. 39 weitere Männer, Frauen und Kinder, die am abendlichen Gebet teilgenommen hatten, blieben unverletzt.

          Andreas Ross

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten.

          Die Polizei der Provinz Québec gab sich überzeugt, dass es keine weiteren Täter gegeben habe. Mehrere Schusswaffen wurden sichergestellt. Zur Identität der Festgenommenen ließen sich die Vertreter der Behörden zunächst nichts entlocken. Doch der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau verurteilte schon nach wenigen Stunden den „terroristischen Angriff auf Muslime in einer Gebets- und Zufluchtsstätte“. Augenzeugen berichten, die beiden Mörder hätten schwarze Skimasken getragen. Auf zwei Etagen des Gebetshauses hätten sie ihre Magazine geleert. „Es war jemand, der Waffen beherrscht, denn es ging ganz ruhig vonstatten“, sagte ein Überlebender über den Täter, den er gesehen hatte. „Er hat getötet und getötet.“ Ein anderer Zeuge gab an, die Täter hätten „Allahu Akbar“ gerufen – nach seiner Ansicht mit einem Akzent aus Québec, Kanadas französischsprachiger Provinz.

          Unter den Toten war mindestens ein Kommunalbeamter – eine Erinnerung daran, wie selbstverständlich Muslime in Kanada zur Mitte der Gesellschaft zählen. Québecs Ministerpräsident Philippe Couillard fuhr noch in der Nacht in die Hauptstadt der Provinz und versicherte „allen Landsleuten muslimischen Glaubens: Wir sind bei euch. Ihr seid zu Hause. Ihr seid in eurem Zuhause willkommen. Wir sind alle Québécois“. Die Muslime der Stadt hatten gewusst, dass sie auch im multikulturellen Kanada vor Hass und Islamophobie nicht gefeit sind. Während des Ramadans hatte jemand im Juni 2016 einen in Geschenkfolie verpackten Schweinskopf vor derselben Moschee deponiert, die am Sonntag angegriffen wurde. Daran war ein (in falschem Französisch verfasster) Zettel mit der Aufschrift „Guten Appetit“ geheftet worden. Im Islam gilt Schweinefleisch als unrein.

          Trudeau bekräftigte in seiner Erklärung am Sonntagabend, dass „muslimische Kanadier ein wichtiger Teil unseres nationalen Gewebes sind“. Ähnliche Formulierungen hatte er in den vergangenen Wochen immer wieder benutzt – nicht weil sich in Kanada lauter Widerstand gegen die liberale Einwanderungspolitik regte, sondern weil sich Trudeau von Donald Trump absetzen wollte. Einen Tag nachdem der neue Präsident in Washington einen vorläufigen Einreisestopp für Flüchtlinge und eine Reihe anderer Bürger aus bestimmten Ländern der muslimischen Welt verhängt hatte, twitterte Trudeau am Samstag: „All jenen, die vor Verfolgung, Terror und Krieg fliehen: Kanadier werden euch willkommen heißen, unabhängig von eurem Glauben. Vielfalt ist unsere Stärke.“ Der Ministerpräsident setzte das Stichwort „#WelcomeToCanada“ hinzu.

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