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Anschlag in Kanada : Wir sind alle Québécois

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Kanada bietet vorläufige Aufenthaltstitel an

Das hieß nicht, dass Kanada alle von Washington abgewiesenen Flüchtlinge nun aufnehmen will. Doch am Sonntag bot die Regierung in Ottawa tatsächlich einigen von Trumps Einreiseverboten betroffenen Personen vorläufige Aufenthaltstitel an. Wer wegen Trumps Dekret an kanadischen Flughäfen oder Grenzübergängen gestrandet sei, dürfe vorerst in Kanada bleiben, verkündete Einwanderungsminister Ahmed Hussen. Der wurde selbst in Somalia geboren, einem der sieben von Trumps allgemeinem Einreiseverbot betroffenen Länder. Allerdings hat der Minister nur die kanadische Staatsangehörigkeit. Etwa jeder tausendste Kanadier hat auch einen irakischen, iranischen, syrischen, libyschen, jemenitischen, sudanesischen oder somalischen Pass. Nach zweitägiger Verwirrung teilte Hussen am Sonntagabend mit, das Weiße Haus habe ihm zugesichert, keine Bürger der sieben Länder mit dauerhaftem Aufenthaltsrecht in Kanada an der Einreise zu hindern.

Kanada : Tote und Verletzte bei Schüssen in Moschee in Quebec

Die kanadische Art des Multikulturalismus setzt weniger auf die Anpassung an eine Mehrheitskultur oder die Verschmelzung von Herkunftskulturen in einem „melting pot“ als auf ein gedeihliches Neben- und Miteinander. Das Land ist ungefähr so groß wie die Vereinigten Staaten, hat aber nur gut ein Zehntel von deren Bevölkerung und definiert seine nationale Identität wesentlich in Abgrenzung zum mächtigen Nachbarn. Dabei spielt der Umgang mit Einwanderung eine große Rolle. Das Thema ist zwar auch in Kanada nicht unumstritten. Doch der liberale Grundkonsens wirkt stabiler als in den meisten westlichen Staaten.

Unkanadische Islamkritik

Der linksliberale Trudeau verdankt sein Amt nicht zuletzt der Fehleinschätzung seines konservativen Vorgängers Stephen Harper, dessen islamkritischer Wahlkampf vielen Bürgern regelrecht unkanadisch vorkam. Dabei war Harper im Vergleich zu Trump nicht allzu weit vorgeprescht: Er machte sich für ein Verbot der Vollverschleierung bei Einbürgerungszeremonien stark, forderte die Einrichtung einer Hotline zur Anzeige „barbarischer Kulturpraktiken“ und wollte so gut wie keine syrischen Flüchtlinge aufnehmen. Trudeau begann seinen Aufstieg in der Wählergunst, als er die schnelle Aufnahme von 25.000 Syrern versprach. Die Öffentlichkeit übte Druck auf die neue Regierung aus, dass sie ihre Zusage auch binnen weniger Monate einhielt.

Doch auch in Kanada wurden nach Trumps Wahlsieg im November plötzlich mehr Hasskriminalität gemeldet: Eine Synagoge in Ottawa wurde mit Hakenkreuzen beschmiert, in Toronto warf ein Mann in der U-Bahn mit rassistischen Beleidigungen um sich. Fachleute beschreiben eine rechtsradikale Szene in Kanada, die viel schwächer vernetzt und finanziert sei als die in den Vereinigten Staaten, aber durch Trumps Sieg einen Energieschub bekommen habe. Ob die Mörder von Québec zu dieser Szene gehörten oder gar Trudeaus Willkommenspolitik vereiteln wollten, blieb am Montag zunächst Spekulation.

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