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Blutdiamanten : Als Sierra Leone ein Tollhaus war

  • -Aktualisiert am

Charles Taylor, noch in Freiheit und umringt von Bodyguards in Monrovia Bild: AFP

Fast ein Jahrzehnt lang verbreitete Liberias Präsident Charles Taylor mit Hilfe der Rebellenbewegung „Revolutionary United Front“ im Nachbarland Sierra Leone Angst und Schrecken. Auf dem Weg zu den Diamantenfeldern töteten sie jeden, der ihnen in die Quere kam.

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          Sam Bockarie hätte vermutlich viel zu erzählen über Charles Taylor und dessen Lebensstil, seine Vorlieben für funkelnde Edelsteine und die Art, wie man sich solche unter den Nagel reißt. Der ehemalige Frisör aus Sierra Leone war dabei, als Charles Taylor mit Unterstützung des ivorischen Präsidenten Félix Houphouët-Boigny 1989 an der Spitze einer Rebellenarmee in Liberia einmarschierte und den Putschsergeanten Samuel Doe stürzte, dem anschließend vor laufenden Kameras die Ohren abgeschnitten wurden. Das war nur ein Vorgeschmack darauf, was sich auf Geheiß Taylors drei Jahre später im Nachbarland Sierra Leone abspielen sollte, und auch dabei spielte Bockarie eine entscheidende Rolle.

          Sam Bockarie alias „Mosquito“ war Taylors Mann fürs Grobe. Er war maßgeblich an der militärischen Aufrüstung der Rebellenbewegung „Revolutionary United Front“ (RUF), beteiligt, die 1991 von Liberia aus in Sierra Leone einmarschierte und dort nahezu ein Jahrzehnt lang Terror und Schrecken verbreitete. Die RUF war Taylors Vehikel, um an die großen Diamantenvorkommen des Landes heranzukommen, und Bockarie sein Werkzeug. „Mosquito“, der als stellvertretender Kommandant der RUF fungierte, war unter anderem für die „Operation no living thing“ verantwortlich, die wörtlich zu verstehen war. Die Rebellen töteten jeden, der sich ihnen in den Weg stellte, und ihr Weg war der nach Kono, wo die großen Diamantenfelder liegen. Darum ging es in dem Konflikt in Sierra Leone, um nichts anderes. Die RUF brauchte Waffen, Taylor wollte die Diamanten. Ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, sozusagen.

          Diejenigen, die eine Begegnung mit diesen Barbaren überlebten, wurden verstümmelt. „Short sleeve or long sleeve“ – kurzer Ärmel oder langer Ärmel – wurde zu einem geflügelten Spruch in Sierra Leone. Damit gemeint war die Verstümmelungstechnik der RUF: Entweder sie hackten ihren Opfern die Hand ab oder gleich den ganzen Unterarm.

          Kindersoldaten in Sierra Leone im September 1999

          Sierra Leone war in den neunziger Jahren ein Tollhaus

          Sierra Leone war zu diesem Zeitpunkt – Mitte bis Ende der neunziger Jahre – ein Tollhaus. Die schwache sierra-leonische Regierung hatte kein Mittel gegen die RUF und heuerte südafrikanische Söldner an. Dass etliche von denen zuvor die RUF in Liberia trainiert hatten, ist nur eine der grausamen Ironien jener Zeit. Die Hauptstadt von Sierra Leone, Freetown, war genau wie Monrovia in Liberia ein Tummelplatz für Mörder, Glücksritter, Waffenhändler und Diamantenschmuggler. Und mittendrin, wie eine Spinne im Netz, saß Taylor.

          Dass der liberianische Präsident 1997 dem britischen Model Naomi Campbell ausgerechnet in Südafrika einen Rohdiamanten aus Sierra Leone geschenkt haben soll, wie ihm das Sondertribunal für Sierra Leone nun vorwirft, passt in dieses Bild. Waffen gegen Diamanten, das war damals noch ein Geschäft, auf das man sich verstand in Südafrika. Erst Jahre später wurde am Kap das so genannte Anti-Söldner-Gesetz verabschiedet, mit dem Söldnerfirmen wie „Executive Outcomes“ die Geschäftsgrundlage entzogen wurde. „Executive Outcomes“ war es, die im Auftrag der sierra-leonischen Regierung die Diamantenminen von Kono zumindest zeitweise zurückerobern konnten. Bezahlt wurden die Südafrikaner mit Schürfrechten.

          Das große Geschäft lief über Monrovia

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