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Vater von Protassewitsch : „Das ist totaler Irrsinn“

  • Aktualisiert am

Der belarussische Blogger und Oppositionelle Roman Protassewitsch ist in einem von der Führung Belarus’ ausgestrahlten Video zu sehen. Bild: Telegram@Zheltyeslivy/Reuters TV

Der Oppositionelle Roman Protassewitsch könnte in Belarus mit Gewalt zu einem Schuldeingeständnis gezwungen worden sein, befürchtet sein Vater. Die Oppositionspolitikerin Swetlana Tichanowskaja äußert den Verdacht, dass der Journalist gefoltert werde.

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          Der Vater des inhaftierten oppositionellen Journalisten Roman Protassewitsch äußert sich erstmals zu der Inhaftierung seines Sohnes in Belarus nach der erzwungenen Landung des Ryanair-Flugzeugs in Minsk. Er glaube, dass sein Sohn in einem Video, das online veröffentlicht wurde, zu einem Schuldeingeständnis durch Anwendung von Gewalt gezwungen worden sei. „Es ist möglich, dass seine Nase gebrochen ist, denn ihre Form ist anders und es ist eine Menge Make-up-Puder darauf. Die ganze linke Seite seines Gesichts ist abgepudert“, sagte Dsmitri Protassewitsch in einem Interview am späten Montag der Nachrichtenagentur Reuters.

          „Es sind nicht seine Worte, es ist nicht seine Art wie er spricht. Er verhält sich sehr reserviert und man kann sehen, dass er nervös ist.“ Und es sei nicht seine Zigarettenschachtel auf dem Tisch – „die raucht er nicht.“ Daher denke er, dass sein Sohn zu der Aussage, er habe die Proteste in Belarus angestachelt, gezwungen wurde. „Mein Sohn kann nicht zugeben, die Massenunruhen verursacht zu haben, weil er so etwas einfach nicht getan hat.“ Die Inhaftierung seines Sohnes sei ein Akt der Vergeltung und soll Regierungskritikern zeigen: „Schaut, wozu wir in der Lage sind.“ „Das ist totaler Irrsinn, was hier passiert.“

          Die im Exil in Litauen lebende belarussische Oppositionspolitikerin Swetlana Tichanowskaja äußerte den Verdacht, dass der festgenommene Journalist im Gefängnis gefoltert werde. Die internationale Gemeinschaft müsse nun über gemeinsame Schritte diskutieren, „um die Täter vor Gericht zu stellen“, schrieb Tichanowskaja am Dienstag im Messengerdienst Telegram. Zugleich forderte sie die sofortige Freilassung des 26 Jahre alten Mannes und auch anderer politischer Gefangener in Belarus.

          Zweifel am Gesundheitszustand

          Das weißrussische Innenministerium teilte mit, Protassewitsch sei in Untersuchungshaft und habe nicht über gesundheitliche Probleme geklagt. Der stellvertretende polnische Außenminister Pawel Jablonski sagte dem Privatsender TVN24, seine Regierung habe von der in Polen lebenden Mutter des Inhaftierten gehört, dass er sich in einem schlechten Gesundheitszustand befinde, nannte aber keine Details.

          Protassewitsch lebte vor seiner Festnahme im Exil. Sein Social-Media-Kanal war eine der letzten verbleibenden unabhängigen Quellen für Nachrichten über Belarus seit der Massenunterdrückung von Dissidenten im letzten Jahr.

          EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte beim EU-Sondergipfel, dass die belarussischen Behörden für die Gesundheit des verhafteten Journalisten Roman Protassewitsch und seiner Freundin verantwortlich seien. Das sagte von der Leyen in der Nacht zu Dienstag in Brüssel. Protassewitschs Freundin soll ebenfalls in Belarus festgehalten werden.

          Die Staats- und Regierungschefs der EU hatten am Montag weitere Sanktionen gegen Belarus beschlossen und die sofortige Freilassung des Regierungskritikers und seiner Freundin Sofia Sapega gefordert. Zudem solle die Internationale Organisation für  Zivilluftfahrt den Vorfall untersuchen, bei dem Belarus am Sonntag einen Ryanair-Flug von Griechenland nach Litauen angewiesen hatte, in Minsk zu landen.

          US-Präsident Joe Biden verurteilte die erzwungene Landung der Passagiermaschine und die Festnahme Protassewitschs auf das Schärfste. Mit Blick auf mögliche Sanktionen gegen Belarus äußerte Biden, er habe sein Team angewiesen, „angemessene Optionen“ zu entwickeln, „um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen“. Dies solle in enger Abstimmung mit Partnern wie der Europäischen Union geschehen. Der Vorfall sei „skandalös“, sagte Biden am Montagabend (Ortszeit). Der Journalist Roman Protassewitsch und alle weiteren politischen Gefangenen müssten umgehend freigelassen werden, forderte der US-Präsident.

          Das „offenbar unter Zwang“ entstandene Video von Protassewitsch nach seiner Festnahme sei ein „schändlicher Angriff“ auf politisch Andersdenkende und die Pressefreiheit. Der Präsident erklärte, er unterstütze die Forderung nach einer internationalen Untersuchung des Vorfalls. Zudem begrüßte er die von der EU am Montag auf den Weg gebrachten Sanktionen gegen Belarus.

          Tichanowskaja fordert Teilnahme von Opposition an G-7-Gipfel

          Bidens Nationaler Sicherheitsberater Jake Sullivan sprach zudem mit der belarussischen Oppositionsführerin Tichanowskaja, wie das Weiße Haus mitteilte. Die USA unterstützten die Forderung der Menschen in Belarus nach „Demokratie, Menschenrechten und grundlegenden Freiheitsrechten“, versicherte Sullivan ihr demnach. Die USA werden „das Regime“ von Präsident Alexander Lukaschenko zur Rechenschaft ziehen, wie es weiter hieß. Sullivan und Außenminister Antony Blinken sprachen auch mit Irlands Außenminister Simon Coveney.

          Sie habe die US-Regierung in dem Telefonat mit Sullivan aufgerufen, „das Regime zu isolieren und es durch Sanktionen unter Druck zu setzen“, äußerte Tichanowskaja am Dienstag auf Twitter. In einer auf Telegram veröffentlichten Nachricht forderte die in Litauen im Exil lebende Oppositionspolitikerin zudem, der belarussischen Opposition die Teilnahme am G-7-Gipfel im Juni im britischen Carbis Bay zu ermöglichen. Außerdem sprach sie sich für eine ranghohe internationale Konferenz „zur Lösung der Krise in Belarus“ im Sommer aus.

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