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Studie der Bischofskonferenz : Deutsche Missbrauchstäter in Lateinamerika versteckt

Sexueller Missbrauch überschattet jetzt auch die Entsendung deutscher Priester nach Lateinamerika. Bild: dpa

Deutsche Bistümer haben jahrzehntelang Missbrauchstäter zur Seelsorge nach Lateinamerika entsandt. Dort vergingen sie sich oft weiter an Kindern. Eine neue Studie dokumentiert dies erstmals systematisch.

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          Deutsche Bistümer haben jahrzehntelang katholische Priester zur Seelsorge nach Lateinamerika entsandt, die Minderjährige in Deutschland sexuell missbraucht hatten. Die kirchlichen Verantwortlichen am neuen Einsatzort wurden dabei in der Regel nicht über anhängige Strafverfahren, kirchliche Sanktionen oder Vorwürfe informiert und teils sogar bewusst getäuscht. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten, das am Montag von der Deutschen Bischofskonferenz und dem katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat veröffentlicht wurde.

          Thomas Jansen
          Redakteur in der Politik.

          Im Mittelpunkt steht hierbei der frühere Adveniat-Hauptgeschäftsführer Emil Stehle (1926 bis 2017), der später Weihbischof von Quito und Bischof von Santo Domingo in Ecuador war. Er hat laut dem Gutachten Priestern, gegen die in Deutschland wegen sexualisierter Gewalt Strafverfahren anhängig waren, dabei geholfen, sich in Lateinamerika dem Zugriff der Justiz zu entziehen.

          Verdecktes Wirken in Lateinamerika

          Stehle, der von 1977 bis 1988 Adveniat vorstand, hat demnach mindestens in drei Fällen durch Namenscodierungen, Tarnadressen und Unterhaltshilfen dafür gesorgt, dass Geistliche verdeckt in Lateinamerika wirken konnten. In zwei Fällen wurden die Priester wegen Sexualdelikten an Minderjährigen gesucht, in einem war der Tatvorwurf den Akten nicht zu entnehmen.

          Auch Stehle selbst wird durch das Gutachten der Kölner Rechtsanwältin Bettina Janssen schwer belastet. Insgesamt führt sie zu seiner Person 16 Meldungen und Hinweise zu übergriffigem Verhalten und sexuellem Missbrauch Minderjähriger an. Zu den Betroffenen gehört demnach auch eine Frau, die möglicherweise von Stehle selbst gezeugt wurde.

          Unter dem lateinischen Namen „Fidei Donum“ – zu Deutsch „Geschenk des Glaubens“ — sind seit den 1960er-Jahren etwa 400 Priester aus Deutschland nach Lateinamerika entsandt worden. Der aus dem Erzbistum Freiburg stammende Geistliche Stehle war von 1972 bis 1984 Leiter der Koordinationsstelle „Fidei Donum“.

          Nach dem Weggang Stehles im Jahr 1984 lässt sich laut dem Gutachten in weiteren acht Fällen zwar keine Vertuschungsabsicht nachweisen, die Koordinationsstelle und die Bistümer hätten jedoch nur „reaktiv“ und unzureichend gehandelt. Die Betroffenen seien nicht berücksichtigt worden.

          Wenig Interesse an Aufklärung

          Bis in die jüngste Vergangenheit unternahmen Adveniat und die deutschen Bistümer nach Erkenntnissen der Gutachterin wenig, um sexuellen Missbrauch im Kreis der „Fidei Donum“-Priester zu thematisieren. So wurde die Veröffentlichung der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz im September 2018 in einem sechsseitigen Rundbrief nur mit vier Sätzen bedacht: „Vielleicht haben Sie davon gehört, dass kürzlich eine wissenschaftliche Studie über das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland seit 1945 veröffentlicht wurde“, lautete der erste Satz davon, den das Gutachten zitiert. Auch bei einem sechstägigen „Fidei Donum“-Treffen in Buenos Aires im April 2022, habe das Thema nicht auf der Tagesordnung gestanden und sei nur kurz von Adveniat-Hauptgeschäftsführer Martin Maier angesprochen worden.

          Die Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz, Beate Gilles, äußerte laut einer Pressemitteilung, das Gutachten mache deutlich, „dass die Entsendung von Priestern und inzwischen auch anderen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern insgesamt kritisch reflektiert werden muss“. Künftig müsse ein Nachweis verlangt werden, dass zur Entsendung vorgesehene Personen „im Bereich sexueller Übergriffigkeit nicht vorbelastet“ seien und verpflichtende Präventionsschulungen absolviert hätten, so die Generalsekretärin der Bischofskonferenz.

          Adveniat-Hauptgeschäftsführer Maier wird mit der Aussage zitiert: „Das Leid, das den Opfern sexualisierter Gewalt und des Machtmissbrauchs angetan wurde, erschüttert uns zutiefst und wir bitten sie um Entschuldigung.“ Das katholische Hilfswerk vertrete „die Position einer absoluten Null-Toleranz gegenüber dem Verbrechen sexuellen Missbrauchs“ und stelle sich – „auch mit dieser schonungslosen Untersuchung“ – an die Seite der Betroffenen in Deutschland und in Lateinamerika“.

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