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Bischöfin Käßmann und der Krieg : „Predigten hindern die Taliban nicht am Morden“

  • Aktualisiert am

Im Krieg: Trauerzeremonie amerikanischer Soldaten im Bundesstaat Delaware Bild: AP

Die Debatte um einen Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan reißt nicht ab. Der Grüne Tom Koenigs warnt vor den Gefahren eines radikalen Pazifismus. Mit dem Vorsitzenden des Bundestags-Menschenrechtsausschusses sprach Markus Bickel.

          Herr Koenigs, Sie sind Mitglied der Grünen und waren viel für die Vereinten Nationen tätig, zuletzt in Afghanistan. Teilen Sie die Kritik, die Bischöfin Margot Käßman am Militäreinsatz dort geäußert hat?

          Nein. Frau Käßmann sagt, man könne Krieg nicht rechtfertigen. Gerade wir Deutschen, die von einem kriegerischen Terrorregime mit Waffengewalt und unter unsäglichen Verlusten befreit worden sind, sollten nicht die Fehler der amerikanischen Pazifisten der Vorkriegszeit wiederholen. Das hat Obama in seiner Friedensnobelpreisrede in Oslo richtig erklärt. Die Taliban werden nicht mit guten Worten und schon gar nicht mit christlichen Predigten am Morden gehindert werden.

          Soll man mit ihnen verhandeln?

          Da kann man als Peacekeeper nur sagen, dass man mit allen verhandeln soll. Und zu dem Gerede darüber, dass man nur mit gemäßigten Taliban sprechen sollte: Das ist Quatsch. Man muss mit denen verhandeln, die die schärfsten Gegner sind.

          Tom Koenigs

          Die Rufe nach einem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan werden lauter, auch bei den Grünen. Sie unterstützen den Einsatz weiterhin. Warum?

          Wir haben die Verantwortung übernommen, in Afghanistan zivilgesellschaftliche Reformen zu unterstützen, und es gibt keinen Grund, das aufzugeben. Sicher gibt es Schwierigkeiten, aber es gibt auch eine breite Strömung in der afghanischen Gesellschaft, die Unterstützung von uns erwartet und verdient.

          Was meinen Sie mit „breite Strömung“?

          Genau wie in anderen Religionen stehen im Islam auf der einen Seite die Fundamentalisten, die in Afghanistan relativ stark sind, und auf der anderen Seite Liberale, Demokraten, Menschenrechtsorientierte. Und viele Afghanen sagen: Lasst uns nicht wieder mit diesen Fundamentalisten allein, wie ihr uns 1989 alleingelassen habt.

          Welcher Strömung gehören die Warlords an?

          Das sind natürlich keine Demokraten. Das sind oft aber auch keine islamistischen Fundamentalisten. Sie haben in einer Gesellschaft, in der es dreißig Jahre Krieg gab, Mächtige, die am Krieg verdienen, die am Krieg Interesse haben und die sich mal auf der einen, mal auf der anderen Seite einsetzen lassen, wie die Warlords der Nordallianz 2001. Die müssten in das neue System zunächst integriert werden, um zu verhindern, dass sie wieder aufs Schlachtfeld gehen.

          Einer Meinungsumfrage zufolge sind 70 Prozent der Afghanen mit der Entwicklung zufrieden.

          In der Tat bewegt sich einiges im Land: Der zivile Aufbau nimmt Fahrt auf, weil er zunehmend von den Afghanen selbst getragen wird. Und kaum jemand will das Regime der Taliban wiederhaben. Aber noch werden die Nato-Soldaten als notwendig angesehen, um nicht wieder in Chaos, Völkermord und Vertreibung zu versinken.

          Was die Sicherheit anbelangt, hat sich die Lage in den vergangenen Monaten aber verschlechtert - die Bundeswehr befindet sich im Krieg.

          Das hätte man voraussehen müssen, wenn man so langsam und so zaghaft vorgeht. In den ersten Jahren der Intervention hat man viele Möglichkeiten nicht genutzt, was sich jetzt rächt. Was ich an der Debatte über Krieg nicht mag, ist, dass sie undifferenziert geführt wird. Im klassischen Krieg ist das Kriegsziel ja, den Gegner zu schwächen oder zu vernichten. Dieses Wort kommt bei Oberst Klein ja auch wieder vor, und das ist sein Fehler. In Afghanistan aber muss es darauf ankommen, die Zivilbevölkerung zu schützen.

          Die Vereinigten Staaten verstärken ihre Truppen im Land. Muss die Bundeswehr auch mit mehr Soldaten in Afghanistan präsent sein?

          Die deutschen Truppen machen nur vier bis fünf Prozent aller internationalen Soldaten in Afghanistan aus. Ob man das nun erhöht oder nicht, ist weitgehend eine symbolische Frage. Und symbolisch muss man die Obama-Administration in diesem Einsatz unterstützen. Das aber kann man sehr unterschiedlich machen.

          Durch mehr Soldaten?

          Ich würde mir wünschen, wir unterstützten den Strategiewechsel durch mehr Polizeiausbilder - sei es durch entsprechend ausgebildete Feldjäger, sei es durch mehr Bundespolizei oder durch beides. Wenn die Bundesregierung sich bei der letzten Mandatsaufstockung entschlossen hätte, tausend mehr Polizisten statt tausend mehr Soldaten zu schicken, hätte das in die richtige Richtung gewiesen.

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