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Usama Bin Ladin : Aus dem Tagebuch eines Terrorfürsten

Die Jagd auf Usama bin Ladin: Am 1. Mai 2011 im Lageraum des Weißen Hauses Bild: dpa

Dokumente über das Leben des toten Al-Qaida-Führers wurden freigegeben. Sie bringen Licht ins Dunkel der Beziehungen zwischen Iran und seiner Terrororganisation. Und sie zeigen, wer die „Gotteskrieger“ künftig führen könnte.

          3 Min.

          Als eine amerikanische Sondereinheit am 2. Mai 2011 in der pakistanischen Stadt Abbottabad das Lager des Al-Qaida-Führers Usama Bin Ladin stürmte und ihn tötete, fielen den Soldaten großen Mengen von Dokumenten in die Hände. Nach und nach wurden sie freigegeben, zuletzt die vierte und mutmaßlich letzte Tranche in der Nacht zum Donnerstag. Sie enthält wieder wichtige Materialien, die das Wissen über die Terrororganisation erweitern.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Eines der freigegebenen Dokumente erhärtet den bisherigen Verdacht einer Zusammenarbeit von Al Qaida mit Iran. So schildert ein 19 Seiten langes Schreiben aus dem islamischen Jahr 1428, unserem Jahr 2007, Einzelheiten der Beziehungen zwischen der Terrororganisation und der Islamischen Republik. Es bestätigt, dass Iran den saudischen Kämpfern von Al Qaida „alles bereitgestellt“ habe, was diese benötigt hätten. Konkret zählt der nicht genannte Autor „Geld, Waffen und Ausbildung in den Lagern der Hizbullah im Libanon“ auf. Zudem habe Iran die Durchreise von Al-Qaida-Führern aus Afghanistan durch Iran ermöglicht. Im Gegenzug habe Iran erwartet, dass Al Qaida Anschläge gegen amerikanische Interessen in Saudi-Arabien und in den Golfstaaten verübe.

          Zusammenarbeit begann in den neunziger Jahren

          Die iranische Nachrichtenagentur Fars bezeichnete die freigegebenen Dokumente am Donnerstag als „ein gegen Iran gerichtetes Projekt“. Lange war umstritten, ob es eine Zusammenarbeit zwischen Al Qaida und Iran gegeben hat. Denn Al Qaida bekämpfte zwar vorrangig die Vereinigten Staaten, gleichzeitig aber auch die schiitischen Muslime.

          Das Schreiben erklärt nun ausdrücklich, dass sich Al Qaida nicht im Krieg mit Iran befinde, zumal sich beide demselben amerikanischen Feind gegenübersähen. Ein Grund, weshalb es zu einer Zusammenarbeit kam, liegt offenbar darin, dass zu Beginn der neunziger Jahre beide nach Partnern gesucht hatten. Iran war über die wachsende amerikanische Präsenz im Nahen Osten beunruhigt, und Bin Ladin, dessen saudische Staatsbürgerschaft entzogen wurde, musste sich nach sicheren Orten umsehen. Er hatte 1990 die Stationierung westlicher Soldaten auf saudischem Boden zur Befreiung von Kuweit verurteilt und zum Sturz der saudischen Monarchie aufgerufen.

          Keine Zusammenhänge zum 11. September

          Die amerikanische Untersuchungskommission zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 war bereits zuvor zu dem Ergebnis gekommen, dass es 1991 oder 1992 Kontakte zwischen Iran und Al Qaida in Sudan gegeben habe. Amerikanische Ermittler beschuldigen Iran, Al Qaida bei den Anschlägen 1998 gegen die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania, bei denen 224 Menschen getötet worden sind, unterstützt zu haben.

          Es gibt jedoch keinen Hinweis darauf, auch nicht in dem freigegebenen Schreiben, dass Iran in die Planung der Anschläge vom 11. September 2001 eingeweiht war. Iran selbst beteuert, seit 1998 die Beziehungen zu Al Qaida abgebrochen und nach den Anschlägen vom 11. September der amerikanischen Regierung eine Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Al Qaida angeboten zu haben. Das freigegebene Schreiben bestätigt dies teilweise. Denn dort heißt es, Iran sei gegen Al Qaida vorgegangen, da dessen Kämpfer gegen die Vereinbarung mit Iran verstoßen hätten. So seien 2001 Führer und Familienmitglieder von Al Qaida unter Hausarrest gestellt worden. Iran hat einige von ihnen 2015 gegen einen iranischen Diplomaten ausgetauscht, den Al Qaida im Jemen entführt hatte. Al Qaida verlangte zudem in einem Brief an den iranischen Revolutionsführer Chamenei die Freilassung inhaftierter Familienmitglieder.

          Private Videos und ein Tagebuch

          Nach Angaben der CIA enthält die vierte Freigabe von Dokumenten, die bei der Erstürmung des Lagers von Bin Ladin beschlagnahmt wurden, 47.0000 „Dateien“. Darunter befinden sich 18.000 Dokumente, 79.000 Tonbänder und 10.000 Videos. Zuvor sind Dokumente aus Abbottabad im Mai 2015, März 2016 und Januar 2017 freigegeben worden. Die übrigen Dokumente würden nicht freigegeben, da sie die nationale Sicherheit gefährden könnten, Pornographie enthielten oder mit Viren verseucht seien.

          Ein freigegebenes Dokument ist ein 228 Seiten umfangreiches Tagebuch Bin Ladins. In dem schreibt er, er habe erstmals in der Sekundarschule über den Dschihad nachgedacht. Niemand habe ihn dahin geleitet: „Es war ein natürlicher Instinkt.“ Das Tagebuch behandelt die Proteste des Jahres 2011 in der arabischen Welt und wie Al Qaida sich diese nutzbar machen wollte. In der privaten Bibliothek Bin Ladins befand sich eine arabische Übersetzung von Bob Woodwards Buch „Obamas Krieg“, Filme wie „Die drei Musketiere“, drei Dokumentarfilme über ihn, Videos wie „Antz“ und „Charlie bit my finger“ sowie das Computerspiel „Final Fantasy VII“.

          Ein Video zeigt die Hochzeit seines Lieblingsohns Hamza. Es ist die erste und bisher einzige Aufnahme, die ihn als Erwachsenen zeigt. In den vergangenen Jahren hat Hamza Bin Ladin die Vereinigten Staaten bedroht, zum Sturz der saudischen Monarchie aufgerufen und den Dschihad in Syrien gutgeheißen. Er gilt als der künftige Führer von Al Qaida, an deren Spitze weiter der Ägypter Ayman al Zawahiri steht. Seine Bedeutung könnte in dem Maße wachsen, wie der „Islamische Staat“ seine Territorien verliert.

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