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Bilanz der Unruhen in Kirgistan : Geheimdienst sieht „Koalition aus Drahtziehern“

  • -Aktualisiert am

Eine „Dritte Kraft” soll die blutigen Kämpfe zwischen Kirgisen und Usbeken ausgelöst haben Bild: dpa

Für den kirgisischen Geheimdienst steht eine „Koalition aus Drahtziehern“ hinter den Unruhen in Kirgistan. Doch nicht alle in der Bevölkerung sind von dem Bericht überzeugt - zumal er keine Beweise präsentiert.

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          Kirgistans Staatssicherheitsdienst hat sein Urteil gesprochen über die Hintergründe der blutigen Unruhen zwischen Usbeken und Kirgisen, die in der Nacht auf den 11. Juni im Süden des Landes, insbesondere in den Gebietshauptstädten Osch und Dschalalabad, ausgebrochen waren. Aber längst nicht alle im Land glauben, was Geheimdienstchef Keneschbek Duschebajew über eine angebliche „Koalition aus Drahtziehern“ der Unruhen in der Öffentlichkeit behauptete, ohne Beweise vorzulegen.

          Wenige Tage vor der am Sonntag geplanten Volksabstimmung über eine neue Verfassung hatte Duschebajew am Donnerstag in der Hauptstadt Bischkek verschiedene Theorien über eine „dritte Kraft“ in einer Synthese zusammen geführt. Diese Kraft soll die blutigen Kämpfe zwischen Kirgisen und Usbeken ausgelöst und angestachelt haben. Diese Synthese vereint alle bisherigen „Wahrheiten“ über die Hintergründe der Auseinandersetzungen, die von unterschiedlicher Seite in den vergangenen Tagen verkündet worden waren.

          Geheimdienst: Ziel ist ein islamischer Gottesstaat

          Demnach sollen Vertreter des Klans des gestürzten Präsidenten Bakijew gemeinsam mit islamistischen Terroristen von der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) und der Islamischen Dschihadunion (IDU) die Unruhen im Gebiet Osch und Dschalalabad verursacht haben. Es sei das strategische Vorhaben von IBU und IDU, hieß es im Bericht des Geheimdienstes, die verfassungsmäßige Ordnung in Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan zu zerstören und anstelle dieser Staaten einen islamischen Gottesstaat, ein Kalifat, zu errichten. Zu den Zielen dieser Organisationen, die Beziehungen zur Bewegung der Taliban und dem Terrornetzwerk Al Qaida unterhielten, gehöre auch, die Unruhe nach China und Russland hineinzutragen.

          Kirgistan sei in den vergangenen Jahren wegen seiner politischen und wirtschaftlichen Probleme zu einem bevorzugten Gebiet für Anschläge von IBU und IDU geworden. Jetzt seien bewusst die seit 20 Jahren ungelösten Konflikte zwischen der kirgisischen und usbekischen Bevölkerung genutzt worden, um das Ziel der Destabilisierung des Landes zu erreichen.

          Auch die Bakijews seien an Destabilisierung interessiert gewesen, weil sie um jeden Preis die Macht zurückgewinnen wollten. Maxim Bakijew, der jüngste Sohn des Präsidenten, soll sich deshalb mit Abgesandten der IBU im April in Dubai getroffen haben. Anfang Mai sei dann bei einer Begegnung von Mitgliedern des Bakijew-Clans sowie der Taliban, der IDU und Vertretern der Vereinigten tadschikischen Opposition im afghanischen Bachorak vereinbart worden, dass die IBU dabei helfen werde, Kirgistan zu destabilisieren. Die Bakijews seien bereit gewesen, für diese Hilfe 30 Millionen Dollar zu bezahlen. Maxim hat mittlerweile in Großbritannien politisches Asyl beantragt, während Vater Kurmanbek Bakijew Unterschlupf in Weißrussland gefunden hat.

          Mitglieder der Dschihadunion hätten dann im Mai eine Gruppe von 15 usbekischen Terroristen von Pakistan aus nach Kirgistan geschleust. Dort hätten die Terroristen gefälschte Personaldokumente erhalten. Zu den Kontaktpersonen eines der Brüder Bakijews habe ein ehemaliger Feldkommandeur der tadschikischen Opposition im Bürgerkrieg der neunziger Jahre gehört, der inzwischen zu den Drogenbaronen der Region zähle. Während der Auseinandersetzungen zwischen Usbeken und Kirgisen im Süden hätten Mitglieder der Dschihadunion als Heckenschützen in Dschalalabad agiert.

          100.000 Dollar für die Organisierung der Unruhen in Osch?

          Nach dem Ausbruch der Unruhen, heißt es im Geheimdienstbericht weiter, hätten die Anführer und Feldkommandeure der IBU über das weitere Vorgehen in Zentralasien beraten. Sie seien zu der Auffassung gelangt, dass in Osch und Dschalalabad nun Voraussetzungen bestünden, um die Destabilisierung weiter zu treiben und die gesamte Region zu erschüttern.

          Weiter wurde in dem Bericht behauptet, dass Anhänger des gestürzten Präsidenten, Minister und andere hohe Beamte, auf Anweisung des Klans eine aktive Rolle bei den Unruhen gespielt hätten. Kurmanbek Bakijew, der in seiner zweiten Amtszeit nicht nur auf vermeintliche Terroristen, sondern auch auf religiöse Abweichler Jagd machen ließ, hatte bestritten, in die Organisation von Unruhen in seiner Heimat verstrickt zu sein. Der Bericht machte nun außer Terroristen und den Bakijew-Klan auch führende Mitglieder der usbekischen nationalen Kulturzentren in Osch und Dschalalabad mitverantwortlich für den Ausbruch der Unruhen. Einer von diesen soll sogar 100.000 Dollar für die Organisierung der Unruhen in Osch gezahlt haben.

          Die Reaktion auf den Bericht des Geheimdienstes war in Kirgistan keineswegs durchgehend zustimmend. Edil Bajsalow, einer der Bürgerrechtler der ersten Stunde im Kampf gegen das autoritäre Regime des 2005 gestürzten Askar Akajew und nach dem Sturz Bakijews einige Wochen Kanzleichef von Interims-Regierungschefin Rosa Otunbajewa, meinte, der Geheimdienst wolle lediglich sein eigenes Versagen vertuschen. Dieses bestehe darin, dass der Dienst nichts unternommen habe um vor dem Ausbruch von Unruhen zu warnen oder das große Schlachten zu verhindern. Jetzt wolle Geheimdienstchef Duschebajew seinen Hals retten, indem er die Verantwortung auf internationale Terroristen abwälze. Andere Kritiker befürchten, der Bericht werde nun als Vorwand für Säuberungen im ganzen Süden und zur Treibjagd auf religiöse muslimische Aktivisten in der Region führen.

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