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Biden verteidigt Abzug : Afghanistan ist nicht zu retten

  • -Aktualisiert am

Ein Kämpfer der Taliban am Dienstag in Jalalabad Bild: EPA

Was der Westen wollte, ein freies und demokratisches Land Afghanistan, war die einzige Option, die nicht zur Wahl stand. Wir müssen unsere Ansprüche herunterschrauben.

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          Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende – so lautet in einem Satz zusammengefasst Joe Bidens Rechtfertigung für den Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan, der so desaströse Folgen für das Land hat. Trotz der herzzerreißenden Bilder vom Kabuler Flughafen, die als Zeugnisse einer schmachvollen Niederlage in Erinnerung bleiben werden, blieb der Präsident auch nach dem Fall der afghanischen Hauptstadt bei seiner Linie. Schuld sah er nur bei anderen: den Afghanen, die nicht kämpfen wollten, ihren Politikern, die korrupt seien, und seinem Vorgänger, der einen Deal mit den Taliban eingegangen war.

          Will da ein sturer Politiker nicht einsehen, dass er einen Fehler gemacht hat? Hat Biden nur die Umfragen im eigenen Land im Auge, die Mehrheiten für einen Abzug ausweisen? So einfach ist es nicht. Im Kern hat der Präsident recht. Mit der Frage „Wie viele Generationen von Amerikas Töchtern und Söhnen soll ich noch in den afghanischen Bürgerkrieg schicken, wenn ihn die afghanischen Truppen nicht führen wollen?“ trifft er den Nagel auf den Kopf.

          „Nation building“ ist gescheitert

          In den meisten Entwicklungsländern ist die Armee die einzige halbwegs funktionierende Institution. In Afghanistan war sie selbst nach zwanzig Jahren westlicher Militärhilfe nicht kampfbereit. Das offenbart, wie weit die afghanische Stammesgesellschaft immer noch von den Standards entfernt ist, die zum Aufbau eines modernen Staates nötig sind. Das „nation building“, das der Westen in Afghanistan wider Willen, aber letztlich mit sehr großem Aufwand betrieben hat, ist zuallererst daran gescheitert.

          Man wird sich noch ausführlich darüber zu unterhalten haben, wie das geschehen konnte – trotz der langen Dauer, des immensen Einsatzes an Geld und Material und des hohen Blutzolls, den viele Beteiligte zahlten. Aber es ist illusorisch zu glauben, dass die Lage in ein paar Monaten oder Jahren eine grundlegend andere gewesen wäre, auch da hat Biden recht.

          Der Westen hatte die Wahl zwischen dem Abzug jetzt und einer unbefristeten Präsenz am Hindukusch, die zu weiteren Kämpfen mit den Taliban geführt hätte. Unvorstellbar wäre das nicht gewesen. Es gibt UN-Friedensmissionen, die Jahrzehnte alt sind. Vielleicht hätte sich daraus ein fragiler Status quo ergeben, mit dem zumindest die terroristische Gefahr gebannt gewesen wäre, die einmal von Afghanistan ausging; und es wären vermutlich Freiräume für Menschenrechte und Entwicklung erhalten geblieben.

          Wer aber wäre bereit gewesen, sich auf eine quasi unendliche Präsenz in Afghanistan einzulassen? Amerika ist seit Langem kriegsmüde. Den Europäern fehlen die militärischen Mittel, vom Kampfeswillen ganz zu schweigen. Die Wahrheit ist, dass nicht nur die Afghanen vor den Taliban davonliefen, sondern auch ihre westlichen Schutzherren.

          Die berechtigte Kritik an den chaotischen Umständen, unter denen dieses unrühmliche Kapitel westlicher Außenpolitik gerade geschlossen wird, sollte nicht den Blick dafür verschließen, dass sich hier ein grundsätzliches Problem vieler Auslandseinsätze offenbart. Was der Westen wollte, ein freies und demokratisches Afghanistan, war die einzige Option, die nicht zur Wahl stand – weder in der vergangenen Woche noch vor einem Jahr oder vor zehn Jahren.

          Die Lektion, die Amerika und seine Verbündeten am Hindukusch zu lernen hatten, ist dieselbe wie zuvor schon im Irak oder in Libyen. Man kann fremde Völker nicht zu ihrem Glück zwingen. Wir müssen lernen, unsere moralischen und politischen Ansprüche an unsere Fähigkeiten und an die Realität anzupassen.

          Das wird vielleicht der schwierigste Teil der Aufarbeitung. Der öffentliche Diskurs in vielen westlichen Gesellschaften ist von universalistischen Ideen und hohen ethischen Forderungen geprägt. Nach dem Ende des Kommunismus hat man sich nicht nur in Deutschland daran gewöhnt, Missstände und Fehlentwicklungen auf der ganzen Welt als eigene Probleme zu betrachten, auch wenn sie uns manchmal nur am Rande betreffen. Selbst auf Afghanistan trifft das zumindest teilweise zu, denn es waren ja nicht die Taliban, die 2001 New York und Washington angegriffen haben, sondern ihre „Gäste“ von Bin Ladens Al-Qaida.

          Die Welt besser zu machen ist ein hehres Ziel, aber es hat mit klassischer Außenpolitik nicht viel zu tun. In der geht es darum, die eigenen Interessen zu wahren. Das ist in einem internationalen Umfeld, das durch den Aufstieg neuer Mächte gekennzeichnet ist, schon anspruchsvoll genug. Westliche Interventionen in der islamischen Welt haben zu Instabilität, Migration nach Europa und geopolitischen Geländegewinnen von China und Russland geführt. Selbst aus der moralischen Sicht, die in Deutschland die Debatte beherrscht, ist das nicht zu rechtfertigen, wenn man die immensen Opferzahlen und das Leid der vielen Flüchtlinge in Rechnung stellt. Nach Afghanistan brauchen wir vor allem ein Umdenken in der Außenpolitik.

          Nikolas Busse
          Verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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