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Kampf gegen Corona : Biden verfehlt sein Impfziel

Szenen wie diese in Florida würde Joe Biden gerne öfter sehen: Denn vor allem die Jungen lassen sich in den USA gerade nicht impfen. Bild: AP

Bis zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli wollte Joe Biden siebzig Prozent der Amerikaner impfen lassen. Doch viele Bürger ziehen nicht mit – nicht einmal, wenn man sie mit Millionengewinnen lockt.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          „So Gott will, haben wir den Sommer der Freude vor uns, den Sommer der Freiheit.“ Präsident Joe Biden wollte in der vergangenen Woche mit diesem Satz gleichzeitig Optimismus verbreiten und die Amerikaner warnen: Nur, wenn sie sich gegen das Coronavirus impfen ließen, könnten sie am Unabhängigkeitstag unbekümmert feiern. Siebzig Prozent der erwachsenen Einwohner wollte Biden bis zum 4. Juli mit mindestens einer Dosis immunisieren lassen. Er wird sein Ziel wohl verfehlen, denn die Impfkampagne stockt schon seit Wochen.

          Bislang erhielten 65 Prozent aller Erwachsenen mindestens eine Spritze. Wurden Mitte April noch 3,3 Millionen Dosen am Tag verabreicht, waren es Mitte Juni nur etwa eine Million. Das liegt nicht daran, dass nicht genügend Impfstoff vorhanden wäre. Viele Bürger wollen sich nach wie vor nicht impfen lassen, obwohl bislang mehr als 600.000 Menschen in den Vereinigten Staaten nach einer Infektion mit de Coronavirus starben.

          Gleichzeitig liegt der Anteil der ansteckenderen Delta-Virusvariante an allen Neuansteckungen inzwischen bei fast zehn Prozent. Viele Fachleute sagen voraus, dass sie bald die dominierende Variante werden könnte. Sie fürchten eine neue Ansteckungswelle, die besonders den Süden des Landes betreffen könnte. Während Bundesstaaten wie New York oder Kalifornien auf dem Weg zurück zur Normalität sind, könnten Staaten, die die Normalität nie ganz aufgeben wollten und kaum Restriktionen einführten, bald wieder größere Schwierigkeiten bekommen. „Ich nenne es zwei Covid-Nationen“, sagte Impfspezialist Peter Hotez von der Baylor Universität dem Magazin BuzzFeed.

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          Auch viele Ältere ohne Schutz

          In elf Staaten liegt die Zahl der Geimpften deutlich unter dem Bundesdurchschnitt – auch in der Gruppe der besonders Gefährdeten. Mindestens zwanzig Prozent der Personen, die älter 65 Jahre sind, haben dort noch keine Impfdosis erhalten. Die meisten dieser Bundesstaaten liegen wie etwa Mississippi, Alabama und Georgia im Süden; es gehören aber auch West Virginia im Osten und Wyoming im Westen des Landes dazu. Im ganzen Land wurden dagegen 87 Prozent der Menschen über 65 mit mindestens einer Dosis geimpft. Noch immer sterben ältere Menschen besonders häufig nach einer Infektion mit dem Coronavirus, auch wenn die tägliche Zahl der Toten mit rund 350 die niedrigste seit März 2020 ist.

          Aber nicht nur unter den Älteren, auch in der jungen Generation sind viele mitverantwortlich für das Stocken der Impfkampagne. In der zweiten Maihälfte hatten sich erst 38 Prozent der Einwohner zwischen 18 und 29 mit mindestens einer Dosis immunisieren lassen. Nur ein Teil des Rückstandes ist nach Angaben der Seuchenkontrollbehörde darauf zurückzuführen, dass die Jüngeren erst seit dem Frühjahr geimpft werden. Die Regierung geht davon aus, dass beim derzeitigen Tempo bis Ende August 95 Prozent der über 65-Jährigen, aber nur 58 Prozent der 18- bis 29-Jährigen geschützt sein werden.

          Vor allem Amerikaner, die auf dem Land und in armen Gegenden leben, verzichten auf die Impfung. In Umfragen äußern sich besonders weiße Republikaner und Schwarze ablehnend. In einer CBS-Umfrage gaben kürzlich 29 Prozent der republikanischen Wählerinnen und Wähler an, sich nicht impfen lassen zu wollen. Viele nennen mögliche Nebenwirkungen und Spätfolgen als Grund, andere misstrauen der Regierung und dem Gesundheitssystem. Die Sorgen werden häufig ohne wissenschaftlichen Beleg vorgetragen – wenn etwa behauptet wird, die Impfung schade der Fruchtbarkeit. Unter konservativen Weißen sind Verschwörungsmythen verbreitet. Viele Schwarze äußern Vorbehalte gegenüber dem Gesundheitssystem, was Fachleute auf die Geschichte und Gegenwart des Rassismus in der Medizin zurückführen.

          Lotterie für Impfwillige

          Als Beispiel wird oft das „Tuskegee-Syphilis-Experiment“ in Alabama genannt, das 128 afroamerikanischen Männern das Leben kostete. Der öffentliche Gesundheitsdienst PHS und die Behörde für Seuchenkontrolle und Prävention täuschten dabei bis 1972 hunderten Männern vor, sie würden gegen die Geschlechtskrankheit behandelt, um die Effekte unbehandelter Syphilis zu erforschen. Kritiker merken an, dass nicht nur Vorbehalte, sondern auch der Zugang zu den Impfungen bisweilen ein Problem sei – etwa, weil Familien keinen Computer haben, um Termine zu buchen, oder weil sie zu weit entfernten Impfzentren reisen müssten.

          Viele lokale Behörden versuchen jetzt, mit mobilen Impfteams und Geschenken die Kampagne wieder in Schwung zu bringen. Etliche Bundesstaaten verlosen Geld oder auch College-Stipendien. In Ohio gewann eine 22 Jahre alte Frau eine Million Dollar in einer Lotterie für Impfwillige. Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom kündigte an, 100 Millionen Dollar in Prepaid-Karten an die nächsten zwei Millionen Geimpften zu verteilen. Zudem werden unter allen Immunisierten im Bundesstaat 16,5 Millionen Dollar verlost. Im Bundesstaat Washington können sich volljährige Impflinge einen Gratis-Joint im Marihuana-Laden abholen.

          Doch ob Drogen oder Geld: Die Impfgegner bleiben trotzdem zu Hause. Die Gewinnerin in Ohio zählte zu jenen Bürgern, die sich sofort hatten impfen lassen, als sie berechtigt waren. Und kurz nach Ende der Lotterie zeigte sich, dass ihr Effekt vorübergehend gewesen war: Mit dem positiven Einfluss auf die Impfquote war es nach einer Woche schon wieder vorbei.

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