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Biden bereist Balkan : Auf dem Schlachtfeld von gestern

Den ersten Geburtstag der Staatsgründung feiern junge Kosovaren im Februar auch mit „Stars and Stripes” Bild: AFP

Der amerikanische Vizepräsident tritt heute eine Balkan-Reise an. Schon die Route ist ein Politikum. Denn Joe Biden beginnt seine Südosteuropareise in Sarajevo und wird auch das Kosovo besuchen. Serbien reagiert verschnupft.

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          An diesem Dienstag beginnt der amerikanische Vizepräsident Joseph Biden in Sarajevo eine Reise durch Südosteuropa, die ihn auch nach Serbien und in das Kosovo führen wird. Schon die Route ist ein Politikum. Dass Biden seine Gespräche in der Hauptstadt von Bosnien-Hercegovina beginnt, empfindet man in Belgrad nämlich als Missachtung des serbischen Anspruchs, Schlüsselstaat der Region zu sein. Dass der Gast aus dem Westen überdies auch in das Kosovo reist, nach serbischer Lesart also in einen Nichtstaat, der nur eine unbotmäßige Provinz Serbiens ist, wird die Gespräche Bidens nicht einfacher machen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Doch Bosnien ist zu recht wieder stärker in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, seit die Unabhängigkeitserklärung des Kosovos im vergangenen Jahr wie erhofft glimpflich verlaufen ist. Von der amerikanischen und europäischen Diplomatie war der Dreivölkerstaat von (muslimischen) Bosniaken, Serben und Kroaten in den vergangenen Jahren arg vernachlässigt worden, da die ohnehin schwindende Aufmerksamkeit des Westens für den Balkan fast ganz vom Kosovo in Anspruch genommen wurde. Da nun die kosovarische Spätgeburt halbwegs gesund auf die Welt gekommen ist, bringt sich das ältere bosnische Problemkind jedoch wieder in Erinnerung.

          „Ein schwarzes Loch mit tief verwurzelter Korruption“

          In Banja Luka, der Hauptstadt der knapp die Hälfte des Landes einnehmenden bosnischen Serbenrepublik, sorgt der Serbenführer Milorad Dodik dafür, dass fast nichts geht in dem Balkanstaat. Dabei geht es Dodik nicht um die Abspaltung der Serbenrepublik oder gar um ihren Anschluss an Serbien. Er ist viel zu pragmatisch und machtbewusst, um solch ein seinen Ambitionen abträgliches Ziel zu verfolgen, zumal ihm in Belgrad die Partner dazu fehlen. Auch droht Bosnien kein Rückfall in den Konflikt der neunziger Jahre, der 100.000 Tote forderte und noch viel mehr Menschen die Heimat raubte.

          Aber in Serbien stehen Joseph Biden schwierige Gespräche bevor

          Der ehemalige Hohe Repräsentant der Staatengemeinschaft in Bosnien, der Brite Ashdown sagte jüngst, die Gefahr für Bosnien sei nicht ein Wiederaufflammen der Kämpfe, sondern die Entstehung eines „zweiten Zypern“. Er beschrieb das Land als „geteilt, dysfunktional, ein schwarzes Loch, mit tief verwurzelter Korruption. Ein Raum, den zu verlassen wir uns nicht erlauben können, weil es zu destabilisierend wäre, wenn wir das täten. Den wir aber auch nicht zu voller Staatlichkeit schieben können“. Auch Ashdown hat, wie in jüngster Zeit üblich, Milorad Dodik als den Schurken der Saison ausgemacht, der an der bosnischen Misere die Hauptsschuld trage. So wird es für Biden bei seinen Gesprächen in Bosnien um die Frage gehen, was die Vereinigten Staaten tun können, um das Land auf Kurs und Dodik zur Staatsräson zu bringen.

          Auf Konfrontation mit dem Kosovo

          Anders, aber nicht einfacher liegen die Dinge in Serbien. Als Bild für die schwierigen amerikanisch-serbischen Beziehungen steht die noch stärker als in den meisten anderen Ländern gesicherte amerikanische Botschaft in Belgrad, in der die meisten Beschäftigten ohne Tageslicht arbeiten müssen, weil seit dem bisher letzten Überfall im Februar 2008 alle zu den Straßen hin liegenden Fenster zugemauert oder mit Stahlplatten versiegelt wurden. Unvergessen ist, dass der Angriff eines serbischen Mobs auf die amerikanische Vertretung wenige Tage nach der Unabhängigkeitserklärung des Kosovos von dem damals regierenden Ministerpräsidenten Koštunica mindestens begünstigt wurde.

          Zwar ist Koštunica schon seit mehr als einem Jahr abgewählt und auch als Oppositionsführer inzwischen nahezu bedeutungslos, doch die jetzige serbische Führung, deren dominierende Figuren Staatspräsident Tadi und sein Außenminister Jeremi sind, verfolgt in kosovarischen Angelegenheiten ebenfalls einen Konfrontationskurs. So verhindert man gemeinsam mit Moskau die Mitgliedschaft des Kosovos in internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen, der OSZE oder dem Europarat. Ob Biden hier einen Richtungswechsel herbeiführen kann oder es nicht doch bei einigen ebenso freundlichen wie folgenlosen öffentlichen Bekundungen bleibt, ist fraglich.

          Kein Geschenk für Serbien

          In dem Belgrader Wochenblatt „Nin“ erschien dazu dieser Tage ein Kommentar, der die Essenz der serbischen Skepsis enthielt. Als Autorin zeichnete Ljiljana Smajlovi, die zur Regierungszeit Koštunicas Chefredakteurin des traditionsreichen Belgrader Blattes „Politika“ war und der nationalistischen Linie des Ministerpräsidenten in ihren Kommentaren so eng folgte, dass sie bald nach dessen Machtverlust ebenfalls ihren Posten räumen musste. Man kenne Biden als „extrem pro-albanischen Politiker“, der stets dieselbe Politik des Bombardierens der Serben befürwortet habe, schreibt Frau Smajlovi und stellt dann fest, offenbar sei Washington auch nach dem Verschwinden des „unnachgiebigen“ Koštunica noch nicht zufrieden.

          Anders als die Albaner hätten die Serben von Bidens Visite daher nichts zu erwarten, auch wenn Amerikaner sich einbildeten, die Besuche ihrer Politiker seien „wertvolle politische Geschenke an das besuchte Land und seine regierende Elite“. Das sei für Serbien jedoch nicht so: „Der Balkan steht nicht mehr oben auf der Liste amerikanischer Prioritäten, alle Ziele wurden hier mehr oder weniger erreicht, die Nato expandiert mit Erfolg und der serbische Widerstand gegen die amerikanische Politik ist auf ein symbolisches Maß beschränkt worden“, fällt Frau Smajlovi ein Urteil, das auch in der an sich westorientierten Demokratischen Partei von Staatspräsident Tadic nicht selten zu hören ist.

          Wie eine Erholung dürfte für Biden daher die abschließende Etappe seiner Reise in Prishtina wirken. Als George Bush im Juni 2007 Albanien besuchte, wurde er in Tirana von jubelnden Menschenmassen empfangen, und ähnlich war es Bill Clinton ergangen, als er, schon längst nicht mehr Präsident, im September 2003 Prishtina besucht hatte. Auch für Joseph Biden wird der Empfang im Kosovo, dem treuesten Verbündeten der Amerikaner auf dem Balkan, standesgemäß ausfallen.

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