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Bevölkerungswachstum : „Ein politisch heikles Thema“

Am schnellsten wächst die Bevölkerung in Afrika: Straßenszene in Lagos, Nigeria Bild: Reuters

Die Demographie-Forscherin Alisa Kaps über die Weltbevölkerungskonferenz, schwierige Gespräche mit afrikanischen Regierungschefs, Gegenwind von Abtreibungsgegnern und darüber, wie Rechtspopulisten das Thema Bevölkerungswachstum besetzen.

          3 Min.

          Schon 1994 haben die UN-Staaten das Recht jedes Einzelnen verbrieft, frei über seinen Körper und die Zahl seiner Kinder zu bestimmen, und zwar im Aktionsprogramm von Kairo. 25 Jahre später tagt nun die Weltbevölkerungskonferenz in Nairobi. Hat es zwischenzeitlich Fortschritte gegeben?

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Das war ein Meilenstein, der damals in Kairo verabschiedet wurde: Das Recht auf reproduktive Gesundheit und Selbstbestimmung. Es ist seither schon viel passiert. Kinder- und Müttersterblichkeit konnten reduziert werden, mehr Frauen haben Zugang zur Bildung. Aber wir sehen weiterhin sehr viele Defizite. Noch immer haben Frauen in einigen Weltregionen keinen Zugang zu Schwangerschaftsfürsorge und –nachsorge. In den weniger entwickelten Staaten fehlen Verhütungsmittel für 200 Millionen Frauen, obwohl sie gerne Schwangerschaften vermeiden würden. Darum geht es jetzt in Nairobi.

          Sehen Sie auch Nachholbedarf in entwickelten Ländern?

          Auch in Europa ist die Lage teilweise noch schwierig. Beim Zugang zu Informationen, Beratung und Mitteln der Familienplanung sticht Polen besonders negativ heraus. Es ist das Schlusslicht in der EU.

          Woher kommt der Widerstand?

          Alisa Kaps ist Ressortleiterin für Internationale Demographie am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

          In Europa und Amerika arbeiten „Anti-Choice“-Bewegungen gegen das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung. Der Vatikan lehnt auch unter dem als progressiv geltenden Papst Franziskus jegliche Form der modernen Familienplanung ab. Der Gegenwind hat in den letzten Jahren sogar noch zugenommen, auch in den Vereinten Nationen.

          Die Vereinigten Staaten waren 1994 ein wichtiger Treiber des Aktionsprogramms von Kairo. Warum hat sich das mittlerweile gedreht?

          Damals regierte Bill Clinton. Unter Donald Trump sperren sich die Vereinigten Staaten wieder dagegen, Entwicklungsgeld an ausländische Organisationen zu zahlen, wenn die in irgendeiner Form mit Abtreibung in Verbindung gebracht werden. Dafür reicht es schon, wenn sie Frauen, die in einer Notsituation eine Schwangerschaft beenden möchten, an einen Arzt vermitteln. Diese amerikanische Blockadepolitik hat einen enormen Effekt. Vorgeblich geht es nur um Abtreibung, aber es trifft auch Organisationen, die bloß Familienplanung und Schwangerschaftsbetreuung anbieten.

          Auch in Nairobi wollen die Gegner der Konferenz laut sein. Religiös geprägte Organisationen haben bereits Widerstand angekündigt und die „Pro-Abtreibungs-Agenda“ kritisiert. Ist das berechtigt?

          Es gibt natürlich progressive Stimmen, die fordern, dass Frauen das Recht haben sollen abzutreiben. Trotzdem wurde schon 1994 konkret festgehalten: Abtreibung soll auf keinen Fall ein Mittel zur Familienplanung sein, nur eine Notlösung. Aber wenn Frauen abtreiben, dann soll es sicher sein und nicht in irgend einem schäbigen Hinterzimmer stattfinden. Das kann man sicherlich nicht als „Pro-Abtreibungs-Agenda“ bezeichnen.

          Jedes Jahr wächst die Weltbevölkerung um etwa 80 Millionen Menschen – so viele wie Deutschland Einwohner hat…

          Richtig, aber die Tendenz geht leicht zurück. Die absoluten Zuwächse werden kleiner, weil viele Staaten schon unter dem Reproduktionsniveau von 2,1 Kindern je Frau liegen. Mehr als die Hälfte des Wachstums findet mittlerweile in Afrika statt. Natürlich wachsen auch einige asiatische Staaten noch, aber andere wie China schrumpfen schon.

          Gerade viele afrikanische Staaten wollen sich nicht reinreden lassen. Ist das Bevölkerungswachstum ein Tabu-Thema?

          Es ist ein politisch vermintes Thema in vielen Ländern, die noch sehr hohe Kinderzahlen haben. Man stößt bei afrikanischen Regierungschefs mitunter auf taube Ohren. Es heißt dann: Wer seid ihr eigentlich, dass ihr uns vorschreiben wollt, wie viele Kinder wir haben dürfen?

          Wollen Sie das denn?

          Im Gegenteil: Wir unterstützen die Selbstbestimmung. Wir wollen bloß, dass Länder mit starkem Bevölkerungswachstum an den richtigen Stellschrauben drehen: Gesundheit und Bildung verbessern, vor allem von Frauen, Gleichberechtigung stärken und Arbeitsplätze schaffen. Das alles führt dazu, dass die Zahl der Wunschkinder sinkt. Und dann muss es natürlich auch Verhütungsmittel geben, damit dieser Wunsch umgesetzt werden kann. Frauen stehen dabei im Mittelpunkt, weil sie in den meisten Gesellschaften die Verantwortung für die Familie tragen. Wenn sie Mitsprache haben, gebildet sind und in Politik und Arbeitsmarkt integriert, dann wünschen sie sich in der Regel viel weniger Kinder.

          Auch Rechtspopulisten nutzen das Thema Bevölkerungswachstum für sich. Aus der Jugendorganisation der AfD etwa kommt der Vorschlag, unsere Entwicklungshilfe an die Einführung einer Ein-Kind-Politik zu koppeln, um den angeblichen Klimatreiber Bevölkerungswachstum zu bremsen. Was halten Sie davon?

          Wir sehen das auf jeden Fall mit Sorge. Eine Ein-Kind-Politik ist nicht nur menschenrechtswidrig, sondern auch ineffektiv und politisch nicht zu vertreten. Nicht die afrikanischen Länder treiben den Klimawandel, sondern wir im globalen Norden mit unserem Konsum und Lebensstil. Doch Populisten stellen den Zusammenhang falsch dar. Umso mehr sehen wir es als unsere Aufgabe an, diese Diskussion faktenbasiert zu führen und die richtigen Maßnahmen abzuleiten. Afrikaner unter Druck zu setzen, um den von uns verursachten Klimawandel zu bekämpfen, kann nicht die Lösung sein.

          Alisa Kaps ist Ressortleiterin für Internationale Demographie am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

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