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Bevölkerungsentwicklung : Schafft auch die Türkei sich ab?

Im Südosten ist der Kinderreichtum größer und das Bildungsniveau geringer

Von West nach Ost präsentiert sich den Demographen das gleiche Bild: Je östlicher desto jünger, ungebildeter und ärmer ist die Bevölkerung. Im Jahr 2000 hatten Frauen in der auf dem europäischen Festland gelegenen Provinz Edirne (dem historischen Adrianopel) im Schnitt 1,7 Kinder. Am anderen geographischen Ende des Landes, in der an der Grenze zu Syrien und dem Irak gelegenen Provinz Sirnak, brachte eine Frau durchschnittlich 7,1 Kinder zur Welt. In den Nachbarprovinzen Hakkari und Siirt waren es 6,7 beziehungsweise 6,1 Kinder. Obwohl der kurdisch geprägte Südosten der Türkei Jahr für Jahr einen großen Teil dieser Bevölkerungsüberproduktion an die Ballungszentren im Westen und Süden des Landes abgibt und die Zahl der Landbevölkerung überall in der Türkei stagniert oder sinkt, wachsen die südostanatolischen Städte prozentual schneller als andere: In Sirnak um 7,4, in Hakkari um 6,5 Prozent pro Jahr.

Die Grundregel lautet: Im Südosten ist der Kinderreichtum größer und das Bildungsniveau geringer. Nach den Angaben des Instituts für Bevölkerungsstudien in Ankara betrug die Analphabetenrate in der Türkei im Jahr 2006 etwa 20 Prozent. Doch wirklich aufschlussreich ist diese Zahl erst bei einer Aufschlüsselung nach Geschlecht und Herkunft, wie sie bei der Volkszählung vom 22. Oktober 2000 vorgenommen wurde. Diese Aufschlüsselung scheint die jüngst von dem Historiker Hans-Ulrich Wehler getroffene Aussage zu bestätigen, dass die Integration eines Teils der Einwanderer aus der Türkei auch deshalb misslungen sei, weil die kemalistische Bildungspolitik in Anatolien versagt habe. „Sechzig Prozent Analphabetentum - das transportiert sich dann über die Familien“, hatte er gesagt.

Südostanatolische Bildungsmisere

Bei den Frauen war die Analphabetenrate im Jahr 2000 fast durchweg dreifach so hoch wie bei Männern. Wiederum bot sich besonders im Osten des Landes ein erschreckendes Bild: In Sirnak konnten 66, in Hakkari 58 und in Siirt 56 Prozent der Frauen im Alter von 15 Jahren an nicht lesen und schreiben. In anderen Provinzen der Gegend sah es kaum besser aus.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat in einer im vergangenen Monat veröffentlichten Analyse darauf hingewiesen, dass diese südostanatolische Bildungsmisere für Deutschland nur geographisch ein fernes Phänomen ist: „Es ist nicht absehbar, ob die türkische Politik und Wirtschaftsentwicklung dieses Problem lösen kann. Die unqualifizierten Migranten werden in großer Zahl in den türkischen Ballungszentren, aber auch in anderen europäischen Ländern eine wirtschaftliche Perspektive suchen“, heißt es da. Für Deutschland, das den größten Teil der im Ausland lebenden Türken beherberge, könne dies eine besondere Herausforderung darstellen.

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