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Besuch in Yad Vashem : Benedikt verneigt sich vor den Opfern des Holocausts

Das deutsche Oberhaupt der katholischen Kirche verneigt sich vor den sechs Millionen Opfern des jüdischen Volkes Bild: dpa

In einer bewegenden Rede hat Papst Benedikt XVI. in Yad Vashem des Völkermords an den Juden durch die Nazis gedacht. Schon nach seiner Ankunft in Israel hatte Benedikt am Morgen dazu aufgerufen, den Antisemitismus zu bekämpfen, „wo immer er angetroffen wird“.

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          Papst Benedikt XVI. hat am Montag in Jerusalem der Schoa, des Völkermords an den Juden durch die Nazis während des Zweiten Weltkriegs, gedacht. In der Gedenkstätte Yad Vashem verneigte sich das deutsche Oberhaupt der katholischen Kirche vor den sechs Millionen Opfern des jüdischen Volkes.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Mögen die Namen dieser Opfer niemals ausgelöscht werden. Mögen ihre Leiden niemals geleugnet, heruntergespielt oder vergessen werden“, sagte Benedikt. „Die katholische Kirche empfinde tiefes Mitgefühl mit jenen, an die hier erinnert wird. Zugleich stellt sie sich jenen an die Seite, die heute ihrer Rasse oder der Hautfarbe wegen, aus sozialen oder religiösen Gründen verfolgt werden“, sagte der Papst weiter. Benedikt schloss seine Rede für die Millionen Opfer mit den Worten: „Während wir in Schweigen verharren, hallt ihr Schrei in unseren Herzen. Es ist ein Schrei gegen jeden Akt der Ungerechtigkeit und Gewalt. Er ist eine immerwährende Verdammung gegen das Vergießen unschuldigen Blutes.“ Einem Bibelzitat aus dem Buch der Klagelieder fügte er das persönliche Wort an: „Meine Freunde, ich bin Gott zutiefst dankbar, dass ich hier schweigend stehen darf: im Schweigen, um zu gedenken, im Schweigen, um zu hoffen.“

          Kritik: Kein Wort des Bedauerns

          In einer ersten Reaktion äußerte sich Rabbi Meier Lau, der dem Beirat der Gedenkstätte vorsitzt, enttäuscht über die Rede des Papstes. Er habe kein Wort des Bedauerns gehört, sagte Rabbi Lau im israelischen Fernsehen. Außerdem habe der Papst die Deutschen und die Nazis als Verantwortliche für den millionenfachen Mord nicht genannt. Benedikt habe es an Mitgefühl mit den Opfern fehlen lassen.

          Jüdisch-katholische Versöhnung: Der Papst und Rabbi Israel Meir Lau reichen sich die Hand

          Unmittelbar nach seiner Ankunft in Israel am Montagmorgen hatte Benedikt abermals jede Form von Antisemitismus verurteilt und dazu aufgerufen, alle Anstrengungen zu unternehmen, um ihn zu bekämpfen, „wo immer er angetroffen wird“. Auf tragische Weise hätten jüdische Menschen die schrecklichen Folgen von Ideologien erfahren, welche die grundlegende Würde jeder menschlichen Person leugneten, sagte Benedikt. Leider zeige der Antisemitismus in vielen Teilen der Welt weiterhin „seine hässliche Fratze“. „Das ist völlig inakzeptabel.“

          Peres: Eine Friedensmission

          n Anlehnung an die Zwei-Staaten-Lösung formulierte Benedikt in Fortsetzung der bisherigen vatikanischen Nahost-Politik als Ziel, dass beide, Palästinenser und Israelis, in einem eigenen Land mit international anerkannten Grenzen in friedlicher Nachbarschaft zusammenleben können. Der israelische Präsident Peres bezeichnete Benedikts Besuch als eine „Friedensmission“, die spirituell von höchster Bedeutung sei.

          Dem deutschen Papst war die Anspannung zum Beginn des Besuches in Israel anzumerken. Wie schon in Jordanien suchte Benedikt auch in Israel die gemeinsamen Werte der drei verschiedenen Religionen, des Judentums, der Christenheit und des Islam, herauszustellen. Bei seiner Ankunft auf dem Flughafen von Tel Aviv war Benedikt von Präsident Peres, Ministerpräsident Netanjahu und den meisten israelischen Parlamentariern begrüßt worden. Dies wurde als Zeichen dafür gewertet, wie sehr auch Israel an guten Beziehungen zur katholischen Kirche liege.

          Ausdrücklich lobte der israelische Präsident - auch mit einem Satz auf Lateinisch - Benedikts Bemühungen um Toleranz und den Dialog zwischen Christen und Juden. Israel stelle sicher, dass jeder entsprechend seiner Religion leben könne und freien Zugang zu den heiligen Stätten habe. Die israelische Regierung verhandle mit den Palästinensern, um mit ihnen Frieden zu schließen, wie man es mit Ägypten und Jordanien schon getan habe. Israel sei aber auch zu einem umfassenden regionalen Frieden bereit, sagte Peres.

          „Förderer des Friedens“

          Während eines Empfangs in seiner Residenz am Nachmittag lobte Peres den Gast aus Rom als einen „Förderer des Friedens“ und würdigte ihn als einen „großen spirituellen Führer“. Solche Persönlichkeiten könnten den Weg für die politischen Führer ebnen und „die Minenfelder räumen, die die Straße zum Frieden blockieren“.

          Statt auf die jüngsten Verstimmungen einzugehen, lobte Peres vor 700 geladenen Gästen ausdrücklich die Bemühungen Benedikts, jetzt „Bänder der Versöhnung und der Verständigung zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Vatikan und dem jüdischen Volk zu knüpfen“. Kurzfristig hatte sich Benedikt bereit erklärt, in der Residenz des Staatspräsidenten auch kurz mit dem Vater des von der Hamas in Gaza entführten israelischen Soldaten Gilad Schalit zusammenzutreffen. Angeblich sollte er eine Botschaft für die palästinensischen Politiker erhalten, die Benedikt im Laufe der Woche treffen will.
          Abschied in Amman

          Vor seinem Abflug aus Amman, der Hauptstadt Jordaniens und ersten Etappe seiner „Pilgerfahrt ins Heilige Land“, war der Papst aufs Neue für die Rechte der Christen in den arabisch-muslimischen Staaten eingetreten, indem er den Jordaniern, Muslimen und Christen, in besonderer Weise für ihre religiöse Toleranz dankte. So könne die Kirche Einrichtungen für ihre soziale Arbeit und das Bildungswesen unterhalten. Religiöse Toleranz und Dialog zwischen den Religionen würden den Frieden in der Krisenregion des Nahen Ostens entscheidend fördern können, sagte Benedikt.

          Der jordanische König Abdullah II. hatte das Kirchenoberhaupt nach einem Besuch an der Taufstätte Jesu am Jordan persönlich zum Flughafen gebracht. Dabei rief auch er zum gemeinsamen Engagement von Christen und Muslimen für Gerechtigkeit und Frieden auf. Zudem forderte er eine gerechte Lösung für das Palästinenserproblem. Zu der Zeremonie auf dem Queen-Alia-Flughafen waren neben Regierungsvertretern auch hohe Repräsentanten der christlichen Kirchen und der islamischen Gemeinschaften gekommen.

          Abdullah: „Kommen Sie wieder zu uns als ein Freund“

          Der Papst hob den „Geist der Offenheit“ in Jordanien hervor und lobte die Friedensinitiativen der jordanischen Regierung im Nahen Osten. „Ich möchte alle Jordanier, seien sie Christen oder Muslime, ermutigen, auf dem festen Fundament der religiösen Toleranz aufzubauen“, bekräftigte das Kirchenoberhaupt. Abdullah II. mahnte zu einem umfassenden Engagement für Verständigung, vor allem mit Blick auf die jungen Generationen. „Es ist lebenswichtig, dass wir mit Respekt den Dialog fortsetzen, den wir begonnen haben.“ Der König rief den Papst auf, gemeinsam „als Gläubige den moralischen Reichtum unserer Glaubensüberzeugungen zu teilen“, um aufeinander zuzugehen und eine bessere Welt zu schaffen.

          Nachdrücklich erinnerte der König an die Situation der Palästinenser, die „unter Besatzung und ihren Übeln“ litten. „Es ist Zeit, dass dieses Leiden durch ein Abkommen endet, das den Palästinensern ihre Rechte auf Freiheit und einen Staat garantiert und den Israelis jene Akzeptanz gewährt, die sie als Sicherheit brauchen.“ Eine Zwei-Staaten-Lösung verspreche als einzige dauerhaften Frieden. Abdullah II. wünschte Benedikt XVI. „bedeutungsvolle und erfolgreiche Begegnungen“ auf seinen folgenden Reiseetappen in Israel und den Palästinensergebieten: „Kommen Sie wieder zu uns als ein geschätzter und willkommener Freund.“

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