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Besuch im Kosovo : Mutter Merkel in Prishtina

Merkel mit dem kosovarischen Ministerpräsidenten Hashim Thaçi Bild: dpa

Die populärste Politikerin im Kosovo ist die deutsche Kanzlerin - seit sie Serbiens Streben entgegentrat, noch dieses Jahr Kandidat für den EU-Beitritt zu werden.

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          Ihre letzte Dienstreise vor den Weihnachtsfeiertagen führte die Bundeskanzlerin am Montag auf freundliches Terrain. Seit Angela Merkel so deutlich wie kein anderer Regierungschef eines EU-Staates gesagt hat, dass Serbien in diesem Jahr noch nicht den Status eines Beitrittskandidaten erhalten wird, steht sie im Kosovo an der Spitze aller Popularitätslisten.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          So groß ist ihre Beliebtheit, dass die in Prishtina erscheinende Tageszeitung „Koha Ditore“, die beste des Kosovos und eine der nicht allzu zahlreichen des Balkans, die sich einer seriösen Berichterstattung verschrieben haben, jüngst unter der Überschrift „Gut getan, Frau Merkel!“ einen euphorischen Leitartikel veröffentlichte - auf Deutsch. Die albanische Übersetzung fanden die Leser im Innern des Blattes. Dort lasen sie: „Die deutsche Bundeskanzlerin tut mehr für Europa und für unsere Region in diesen schwierigen Zeiten als wir von ihr erwarten dürfen.“

          Frau Merkels Aufenthalt in Belgrad im August, als sie dem serbischen Staatspräsidenten Boris Tadić deutlich machte, dass Serbien den Status eines EU-Beitrittskandidaten erst erhalten werde, wenn der serbisch-kosovarische Grenzstreit im Norden des Kosovos gelöst ist, wurde im Kosovo genau beobachtet. Nachdem Frau Merkel auch auf dem Gipfel der EU Staats- und Regierungschefs Anfang Dezember bei ihrer Haltung geblieben war, wurde sie im Kosovo als „Mutter der Kosovaren“ gefeiert, die sich entschlossener als die kosovarische Regierung in Prishtina für die Interessen des Kosovos einsetze.

          Im Prishtina hatte Angela Merkel am Montag Gelegenheit, sich im Gespräch mit dem kosovarischen Ministerpräsidenten Hashim Thaçi und dem Befehlshaber der internationalen Sicherheitstruppe Kfor, dem deutschen Generalmajor Erhard Drews, den Grenzstreit aus Sicht des Kosovos schildern zu lassen. Von den etwa 6200 verbliebenen Kfor-Soldaten stammen knapp 1300 aus Deutschland.

          Bundeswehr größte Truppenstellerin im Kosovo

          Die Bundeswehr ist damit die größte Truppenstellerin auf dem Amselfeld. Dort spielt sich der albanisch-serbische Konflikt im Wesentlichen nur noch im serbisch besiedelten Hinterland der ethnisch geteilten Stadt Mitrovica im Norden des Kosovos ab. Seit dem Sommer dieses Jahres kam es dort immer wieder zu Zwischenfällen an mehreren serbisch-kosovarischen Grenzübergängen. Politisch geht es dabei um die Frage, wer den Norden des Kosovos kontrolliert, Belgrad oder Prishtina. Eine wichtige Rolle spielen indes auch die Geschäftsinteressen lokaler serbisch-albanischer Banden, denen die bis zum Sommer praktisch unbewachten Grenzübergänge im Norden als Einfallstor für ihre Schmuggelgeschäfte dienten.

          Merkel besucht die deutschen Kfor-Soldaten im Kosovo
          Merkel besucht die deutschen Kfor-Soldaten im Kosovo : Bild: dpa

          Der Konflikt spitzte sich zu, nachdem der kosovarische Staat im Sommer mit Unterstützung der Kfor versucht hatte, die Kontrolle über die Grenzübergänge zu übernehmen. Dabei wurde ein kosovarischer Polizist getötet. Bei späteren Zusammenstößen mit Serben, die eine Vielzahl von Straßenblockaden errichteten, wurden mehrere Kfor-Soldaten verletzt. Die Kfor ist über die Unterwelt im Nordkosovo gut informiert, da die internationalen Truppen systematisch Telefongespräche abhören und die Bewegungen der Rädelsführer genau verfolgen. Daher ist auch bekannt, dass die politisch verbrämten Unruhen und die gewaltsamen Proteste von Kosovo-Serben im Norden maßgeblich von der lokalen Unterwelt mitgesteuert werden. Diese Kräfte können sich indes auf eine nahezu geschlossene Ablehnung des kosovarischen Staates durch die Kosovo-Serben im Norden verlassen.

          Zusammenstöße im November

          Unlängst verkündete Kfor-Befehlshaber Drews, dass der offiziell als „Geschäftsmann“ auftretende Kosovo-Serbe Zvonko Veselinović, der als mächtigster Mann der Unterwelt im Norden Mitrovicas gilt, auf Videoaufnahmen als einer der Rädelsführer der jüngsten Zusammenstöße zwischen lokalen Serben und Kfor-Truppen zu sehen sei. Zuletzt waren im November laut Angaben der Kfor etwa zwei Dutzend Soldaten bei dem Versuch verletzt worden, von Serben errichtete Straßenblockaden abzubauen. Die Kfor teilte mit, man habe die Aufnahmen an die EU- Rechtsstaatsmission Eulex übergeben.

          Die EU hat Belgrad in Aussicht gestellt, dass Serbien im März 2012 der Status eines EU-Beitrittskandidaten verliehen werden könnte. Unter anderem wird bis dahin eine funktionierende „integrierte Grenzkontrolle“ erwartet, die vorsieht, dass serbische und kosovarische Beamte gemeinsam an den umstrittenen Übergängen Dienst tun, wobei Serbien darauf beharrt, dass es sich dabei nicht um eine Staatsgrenze, sondern nur um eine administrative Demarkation zwischen Serbien und seiner Provinz Kosovo handelt. Ein Kandidatenstatus im kommenden März käme Tadić und dessen Demokratischer Partei eventuell gut zupass, da sich Serbien zu diesem Zeitpunkt bereits im Wahlkampf für die Parlamentswahl befinden wird.

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