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Bespitzelung unter Verbündeten : Der perfekte Spion

  • -Aktualisiert am

27. November 1985: Der israelische Spion Jonathan Pollard auf dem Weg zum Gericht in Washington Bild: Bettmann/CORBIS

„Abhören von Freunden“, das gehe gar nicht, empört sich die Bundesregierung. Dass geheimdienstliche Tätigkeiten unter Verbündeten aber nichts Neues sind, zeigt der Fall Jonathan Pollard.

          Der amerikanische Botschafter in Berlin ist für seine geradezu unerschütterlich positive Lebenseinstellung bekannt. Am Montagabend hatte die „American Academy“ zu einem Abschiedsempfang für Philip Murphy geladen, der nach vier Jahren den Posten am Pariser Platz verlässt. In der Villa am Wannsee trat er ans Mikrofon: Er habe in den vergangenen vier Jahren einige unvergessliche Tage erlebt - „zum Beispiel gestern und heute“. Das amüsierte die kleine Festgemeinde, welche gewissermaßen der deutsch-amerikanische Freundeskreis der Hauptstadt ist.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Der Botschafter hatte vor seinem Ehrenabend noch einen Termin im Auswärtigen Amt. Die deutsche Seite hatte darauf verzichtet, dies als „Einbestellung“ einzustufen, faktisch war es das aber. Man werde mit den „angeblichen Enthüllungen“ fertigwerden, sagte Murphy über die Dokumente, die der ehemalige amerikanische Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden öffentlich machte. Eines aber wolle er hervorheben: Die Folgerung, Deutschland sei für sein Land ein drittklassiger Partner, könne man vergessen, das sei eine technische Zuordnung der Nachrichtendienste. „Wir haben keinen besseren Bündnispartner als die Bundesrepublik.“

          Wie kommt es dann, dass dieser beste Bündnispartner auf eine Weise ausspioniert wurde, wie man es bislang nur aus dem Kalten Krieg kannte, wie es heißt? „Abhören von Freunden“ - das gehe gar nicht, empört sich die Bundesregierung. Ein Mann, der die Arbeit der deutschen Geheimdienste von innen kennt, erklärte einmal, warum es gehe. Die diplomatischen Beziehungen von Staaten und das geheimdienstliche Verhältnis zueinander seien zwei unterschiedliche Welten. Diese interagierten zwar miteinander, manchmal ergänzten sie sich auch, sie folgten aber jeweils eigenen Gesetzmäßigkeiten. So gebe es Beispiele, in denen zwischenstaatliche Beziehungen belastet seien, die geheimdienstliche Kooperation aber blendend funktioniere, wie etwa zwischen Berlin und Washington während des Irak-Krieges. Es gebe freilich auch den umgekehrten Fall. Der bekannteste: die amerikanisch-israelische Affäre um den Agenten Jonathan Pollard.

          „Wir kennen Sie nicht“

          Yuval Steinitz sitzt an diesem Morgen in einem Berliner Hotel. Der israelische Geheimdienstminister möchte über Iran, Syrien und die Hizbullah reden. Als er nach Pollard gefragt wird, sagt er: Oh. Dazu könne er nur eines sagen: „Seit diesem Fall haben wir Washington versprochen, nie wieder in Amerika oder gegen amerikanische Ziele geheimdienstlich tätig zu werden.“ Freilich, derlei Versicherungen Israels gegenüber Washington hatte es schon vor dem Fall Pollard gegeben.

          Pollard, 1954 in Texas geboren, arbeitete von 1979 an als ziviler Nachrichtenoffizier für die amerikanische Marine. 1984 wurde der Mann, der später angab, mit dem Gedanken aufgewachsen zu sein, als Jude verpflichtet zu sein, sich für Israel einzusetzen, von Aviem Sella, einem israelischen Luftwaffenpiloten, als Spion angeworben. Ein Jahr später wurde Pollard vom FBI befragt, weil geheime Unterlagen in der Behörde verschwunden waren. Bevor er endgültig überführt wurde, suchten er und seine Frau Ende 1985 Zuflucht in der israelischen Botschaft in Washington, um formal Asyl zu beantragen. Dort wurde er jedoch mit den Worten abgewiesen: „Wir kennen Sie nicht.“ Die amerikanischen Behörden verhafteten das Ehepaar.

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