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+++Bagdad Briefing+++ : Saddams Giftgas in den Händen der IS-Terrormiliz?

  • -Aktualisiert am

Amerikanische Soldaten auf der Suche nach Waffenverstecken im Irak (Archivbild 2006): Offenbar gab es auch mehr Giftgas-Funde als bisher berichtet Bild: Reuters

Über Jahre hielten amerikanische Militärs ihre Erkenntnisse geheim: Hunderte Chemiewaffensprengköpfe aus der Zeit des Krieges mit Iran lagern weiter in irakischen Depots. Über Reste von Saddam Husseins gefährlichen Giftgas-Arsenal könnte inzwischen die IS-Terrormiliz verfügen.

          Die Regierung in Washington wiegelt ab: Von den veralteten Chemiewaffen, die in den Jahren der amerikanischen Besatzung im Irak gefunden worden seien, gehe keine Gefahr mehr aus. Doch Recherchen der „New York Times“ ergeben ein anderes Bild: In vielen Fällen seien zum Zeitpunkt des irakischen Einmarschs 2003 längst erodierte Sprengkörper von lokalen Gruppen wieder verwendet worden, um Bomben zu basteln.

          Rund 5000 chemische Sprengköpfe, Granaten oder Flugbomben sollen amerikanische Einheiten zwischen 2004 und 2011 im Irak gefunden haben. Das Peinliche daran: Viele wurden von amerikanischen Waffenschmieden entwickelt, in Europa produziert und von westlichen Firmen im Irak mit Giftgas versetzt. Das alles zu einer Zeit, als Saddam Hussein noch Bündnispartner des Pentagons im Krieg gegen die Islamische Republik Iran war – also lange bevor die Regierung George W. Bushs dem Diktator 2001 vorwarf, weiter Giftgas zu besitzen.

          „Wie ein Versuchskaninchen“

          Hinzu kommt, dass die gefundenen Waffen vielfach nicht gesichert, geschweige denn zerstört wurden. In mindestens sechs Fällen seien Angehörige der Besatzungseinheiten oder irakische Soldaten verwundet worden, berichtet die „New York Times“.

          „Ich kam mir nicht wie ein verwundeter Soldat, sondern wie ein Versuchskaninchen vor“, klagte gegenüber dem Blatt ein von Senfgas verletzter amerikanischer Armeeangehöriger. 17 Angehörige der Streitkräfte machte die Zeitung ausfindig, die die bislang geheim gehaltenen Informationen bestätigten.

          Bush hatte den Krieg gegen Hussein unter anderem mit Verweis auf dessen Giftgasprogramm begründet. Dass das nach den Anschlägen des 11. September 2001 längst beendet war, zog die Legitimität des Feldzugs in Zweifel – umso tragischer, dass dann offenbar nicht zerstörte Teile der Chemiewaffen, die im Krieg gegen Iran zwischen 1980 und 1988 eingesetzt werden sollten, für die Verletzungen sorgten.

          Der größte Fund ereignete sich 2007 in einer Kaserne der aufgelösten Republikanischen Garden statt: mehr als 2400 mit Nervengas gefüllte Raketen fanden amerikanische Truppen dort; auch 155-Millimeter-Artilleriegeschosse wurden als Trägerwaffen benutzt. Die amerikanische Öffentlichkeit sei ein Jahrzehnt lang belogen worden, sagte ein amerikanischer Offizier der „New York Times“: „Ich liebe es, wenn ich höre, es hätte nie Chemiewaffen im Irak gegeben – es gab reichlich davon.“

          Gut eine Dekade nach der Irak-Invasion wächst nun unter amerikanischen Offiziellen die Sorge, dass sich die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) die Reste von Husseins Giftgasbeständen unter den Nagel reißen könnten. Erste Berichte, wonach die transnationalen Dschihadisten bei ihren Angriffen auf die syrische Kurdenstadt Kobane nahe der türkischen Grenze Chemiewaffen einsetzten, kursieren bereits. Was die Lage besonders brisant macht: Die Orte, in denen die Besatzungstruppen das Giftgas fanden, liegen laut „New York Times“ allesamt im von IS-Einheiten kontrolliertem Territorium.

          Noch dementiert die Regierung in Washington, dass die Terrorgruppe diese wirklich nutzen könne. Doch vor allem um den Muthanna-Komplex im Nordwesten von Bagdad seien weiter große Mengen Chemiewaffenreste deponiert, schreibt die „New York Times“. Das Gelände, in dem Hussein in den 1980er Jahren seine Chemiewaffenproduktion startete, fiel bereits im Juni in die Hände des „Islamischen Staats“.

          Anfang Juli hatte der irakische UN-Botschafter Mohammed Ali Alhakim in einem Brief an UN-Generalsekretär Ban Ki-moon geschrieben, „bewaffnete Terrorgruppen“ seien in der Nacht zum 11. Juni in den Komplex von Muthanna eingedrungen. Nach den Angaben Alhakims ist die irakische Regierung wegen dieser Eroberung nicht mehr in der Lage, „ihren Verpflichtungen zur Zerstörung von Chemiewaffen“ weiter nachzukommen. „Überreste des früheren Chemiewaffenprogramms“ befänden sich noch in der Anlage. Videoaufzeichnungen zeigten, dass Teile der Ausrüstung von den Rebellen geplündert worden seien.

          „Wir glauben nicht, dass der Komplex Chemiewaffenmaterial von militärischem Wert enthielt“, sagte damals eine Sprecherin des Außenministeriums: „Es wäre sehr schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, das Material sicher zu entfernen.“

          Nach der irakischen Niederlage im ersten Golfkrieg 1991 war die Anlage gemäß einer UN-Resolution geschlossen und später zur Zerstörung der Chemiewaffenbestände genutzt worden. Nach „NYT“-Recherchen waren die Bunker bis zuletzt gefüllt mit alten Sarin-Raketen, Senfgas-Artilleriegeschossen und Vorläufersubstanzen von Cyaniden, Bestandteilen von Giftgas wie Zyklon B.

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