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Beschneidung in New York : Der Kampf des Rabbis

Den Beschluss „herabgehämmert“

Deshalb ist die Stadt New York eingeschritten, und zwar im Interesse der Volksgesundheit. Mitte September beschlossen die neun Mitglieder des Gesundheitsausschusses einstimmig, dass den Eltern eines neugeborenen jüdischen Jungen vor einem Beschneidungsritual mit oralem Absaugen ein Schreiben vorgelegt werden muss, in welchem sie über die Gefahren dieser Praxis für die Gesundheit ihres Sohnes informiert werden - von der Hirnschädigung bis zum Tod. Erst wenn die Eltern das Formblatt gelesen und dann schriftlich ihr Einverständnis gegeben haben, darf der Mohel künftig zum Skalpell greifen und hernach die Blutung an dem beschnittenen Penis mit seinem Speichel stillen.

Doch davon wollen die betroffenen Rabbis und wohl auch ihre Gemeinden nichts wissen. Rabbi Romi Cohn jedenfalls denkt gar nicht daran, sich an die neue Vorschrift mit dem Amtsformular zu halten. Lieber geht er eben ins Gefängnis. „Bürgermeister Bloomberg sagt, er wolle jüdische Kinder davor bewahren, krank zu werden“, sagt Cohn. „Doch wenn es ihm wirklich ums Wohl der Kinder ginge, dann würde er sich um die städtischen Krankenhäuser von New York kümmern, wo viel mehr Kinder an Infektionen mit Staphylokokken sterben als jemals an den Folgen der Beschneidung gestorben sind“, zürnt der Rabbi, der ein Lehrbuch über die Beschneidung geschrieben hat. Die Behörden hätten gar nicht erst versucht, eine einvernehmliche Lösung mit den Verbänden der ultra-orthodoxen Mohalim zu finden, sondern kurzerhand ihren Beschluss „herabgehämmert“.

Rabbi Cohn und die anderen Mohalim der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinden sind nicht grundsätzlich gegen Hygienevorschriften. „Was die Stadt jetzt regeln will, haben wir längst geregelt“, sagt Cohn. „Auch wir glauben, dass Beschneidungen geregelt werden müssen. Wir sind viel vorsichtiger als jeder Arzt, der eine Beschneidung vornimmt.“ In ihrer Klage, dass der Staat hier das Verfassungsrecht der Religionsfreiheit verletzt hat, werden die Ultraorthodoxen von vielen unterstützt - mit religiösen und auch rein verfassungsrechtlichen Argumenten.

Massenbewegung für das Randphänomen

Manches spricht dafür, dass der Streit über die Regulierung des ultra-orthodoxen Beschneidungsrituals noch die Gerichte, möglicherweise sogar das Oberste Gericht beschäftigen wird. Grundsätzlich gibt es in der amerikanischen Bevölkerung ein weit größeres Verständnis als etwa in Deutschland und in Europa für den Anspruch religiöser Gemeinschaften, dass sich der Staat nicht in ihre Rituale und Gebräuche einzumischen habe. In San Francisco etwa ist im vergangenen Jahr der Versuch gründlich gescheitert, die Beschneidung als Akt der Genitalverstümmelung per Volksabstimmung in der Stadt verbieten zu lassen. Eine informelle Koalition von religiösen und medizinischen Interessenvertretern sowie von Bürgerrechtsgruppen setzte durch, dass im ganzen Bundesstaat kommunale Initiativen zum Verbot der Beschneidung unterbunden werden.

Zwar ist in Amerika die routinemäßige Beschneidung aller neugeborenen Jungen rückläufig: 1965 wurden 85 Prozent der männlichen Babys beschnitten, heute sind es nur noch knapp 55 Prozent, die Tendenz ist weiter sinkend. Die Amerikanische Akademie für Kinderheilkunde gibt seit einigen Jahren keine Empfehlung mehr ab, ob neugeborene Jungen beschnitten werden sollen oder nicht. Doch wenn der Staat versucht, sich in Rituale von Religionsgemeinschaften einzumischen - und wenn es nur um ein Randphänomen wie das Metzitzah B’peh geht -, dann ist zuverlässig mit einer Massenbewegung dagegen zu rechnen.

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