https://www.faz.net/-gpf-751gb

Berlusconis Parolen gegen Deutschland : Kein Feindbild

  • -Aktualisiert am

Berlin, Januar 2011: Das Zerwürfnis zeichnet sich hinter der Maske ab Bild: Matthias Lüdecke

Silvio Berlusconi wollte im italienischen Wahlkampf mit Parolen gegen Deutschland punkten. Die Rechnung geht aber nicht auf, denn die Stimmung im Land ist nicht antideutsch.

          Erst ist die Presse des ehemaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi mit gehässigen Texten und Karikaturen über Deutschland und Bundeskanzlerin Angela Merkel hergezogen. Nun steigt Berlusconi selbst in einen antideutschen Wahlkampf ein. Vor einem Jahr habe die deutsche Regierung die deutschen Banken angewiesen, italienische Staatsanleihen zu verkaufen, behauptet der 76 Jahre alte Medienunternehmer, der einmal bei den nächsten Wahlen kandidieren will und dann wieder nicht. Wer sich dieser Aufforderung verweigert habe, so Berlusconi weiter, dem sei „mit dem Entzug der Lizenz“ gedroht worden. Nicht seine Regierung sei daher schuld an Italiens Misere, sondern allein Berlins angebliches Hegemoniestreben, poltert Berlusconi.

          Tatsächlich glauben 60 Prozent der Italiener, das „Übermaß an Strenge“ bei dem Sparkurs habe Italiens Krise durchaus „verstärkt“. Dabei finde sich aber „außer bei einer kleinen Minderheit keine antideutsche Stimmung“, sagt der Chef des Meinungsforschungsinstituts Demopolis, Pietro Vento. Und der Politologe Franco Cazzola resümiert: „Berlusconi hat den Sinn für die Realität verloren; so hat er gewiss keinen Erfolg.“

          Denn in dieser Realität, die Berlusconi verloren geht, wächst das Interesse an Deutschland. Gern verweist Ministerpräsident Mario Monti auf europäische oder deutsche Beispiele, wenn es um Reformprojekte in Italien geht. „Je stärker die Krise in Italien geworden ist, desto stärker wird Deutschland wahrgenommen“, beobachtet daher Susanne Höhn, die in Rom den Hauptsitz aller deutschen Goethe-Institute in Italien leitet. Selten zählten die Institute so viele Sprachschüler; in diesem Jahr verzeichnen sie einen Zuwachs um 20 Prozent. „Diese Zahl spricht nicht dafür, dass man auf einer antideutschen Welle Politik machen könnte“, sagt Susanne Höhn.

          „Berlusconis Wahlkampf ist reine Dummheit“

          Für viele Deutschschüler, die vornehmlich aus jüngeren Altersgruppen kommen, aber aus allen Schichten, sei das „deutsche Universum“ eine „Vision der Hoffnung“, fand das Institut jüngst bei einer Befragung heraus. Bei vielen verbinde sich mit Deutschland „die Überzeugung, dass der Deutsche in sicheren Regeln und Gesetzen lebt“; er „strömt Vertrauen aus und Ordnung“, formuliert der abschließende Bericht. Das ziehe die meisten Sprachschüler an. Sie seien „fasziniert von einer Nation, in der man ruhiger und entspannter leben und arbeiten kann“. Ein Besuch im Goethe-Institut scheine für die meisten wie eine Pause von der italienischen Wirklichkeit. Denn es herrschten gegenseitiger Respekt und Ruhe.

          In Rom habe sich bei Umfragen ergeben, dass viele Schüler auf Distanz zu ihrer Stadt gingen; im Goethe-Institut von Neapel treffe man sogar auf „Verzweiflung“ über den Zustand der eigenen Stadt. So bestätigt die Sittenpolizistin Ornella Della Libera: „Vergehen an Kindern gibt es überall; aber in meiner Stadt Neapel ist es besonders schwer, ihnen zu helfen.“ Der Anstand gehe nach so vielen Jahren Krise zugrunde. Der Rechtsstaat habe es schwer in Neapel. „Für diese Zerrüttung wird auch Berlusconi verantwortlich gemacht“, beobachtet die Polizistin. „Viele sehnen sich nach Deutschlands Rechtsstaat.“

          Weitere Themen

          Ein zweiter Südtiroler in Brüssel?

          Europawahl in Italien : Ein zweiter Südtiroler in Brüssel?

          Die italienischen Grünen spielen bei der Europawahl keine große Rolle – von der Klima-Debatte profitieren sie kaum. In Südtirol sieht die Sache anders aus. Doch dort müssen sich die Grünen einen anderen Vorwurf gefallen lassen – mangelnden Patriotismus.

          Viel ge-Volt

          Kleinpartei vor Europawahl : Viel ge-Volt

          Große Versprechen, großer Idealismus: Volt ist proeuropäisch und tritt in acht Ländern zur Europawahl an. Wer ist die Kleinpartei, die es erreichte, dass der „Wahl-O-Mat“ kurzzeitig offline ging?

          Schwere Schlappe für die SPD Video-Seite öffnen

          Prognosen bei Bremen-Wahl : Schwere Schlappe für die SPD

          Schwere Schlappe für die SPD bei der Bürgerschaftswahl in Bremen: Die Partei von Bürgermeister Carsten Sieling landet ersten Prognosen zufolge erstmals seit mehr als 70 Jahren hinter der CDU, den seit 73 Jahren regierenden Sozialdemokraten droht damit der Machtverlust.

          Topmeldungen

          Die Koalition nach den Wahlen : Warum die SPD untergeht

          Die Unruhe in der großen Koalition wird nicht kleiner werden. Das heißt aber auch: Andrea Nahles und Annegret Kramp-Karrenbauer können sich ihrer Sache nicht sicher sein. Ein Kommentar.
          So stellen sie sich selbst dar: Mitglieder von „Al-Salam 313“

          FAZ Plus Artikel: Gegen Clans und Rocker : Kriminelle Vielfalt

          Die irakisch-syrische Bande „Al-Salam 313“ soll unter anderem in Rauschgiftschmuggel und Waffenhandel verwickelt sein. Deshalb gehen die Behörden nun verstärkt gegen sie vor. Die Kontakte reichen bis zu kriminellen Clans.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.